Adolf Hitler von einem fremden Dichter gesehen – Teil 8: Der Urheber. Von Grigol Robakidse

D e r   U r h e b e r

Naumburger DomWestchor mit Stifterfiguren Uta
Uta von Naumburg (Bild: de.metapedia.org)

Geheimnisvoll ist jenes Etwas, das sich als Urbild eines Volkes offenbart. Es ist der Urheber, der Urzeuger: nicht aber im Sinne der Geschlechts- oder Stammesfolge. Es ist keiner von uns, und doch lebt es in jedem von uns. Überbiologischer Natur, stammt es aus der inneren geistleiblichen Wesensmitte. Es ist Individualität überpersönlicher Art – dem mythischen Menschen erscheint sie jedoch als konkrete Person.

Wir Georgier bezeichnen den Urheber unseres Volkes sogar mit NAmen: Kardhu, griechisiert: Karthlos. In Mzchetha, neben Tbilissi, wo einst die Sonneneingeweihten die kultischen Stätten errichteten, um die außergewöhnlichen Strahlungen dieses Ortes während des Meditierens in Kraft zu setzen, wo Anfang des 4. Jahrhunderts die heilige Jungfrau Nino uns mit dem Kreuz, aus Weinreben geschnitten und mit ihren Haaren umwunden, zum Christentum bekehrte, dort vermutete man nach der Überlieferung – unbegreiflich – das heilige Grab des Kardhu. Alljährlich beweinte man ihn. Damit war wahrscheinlich nicht der wirkliche Tod des Urhebers gemeint. Was aber? Im Bewußtsein des Volkes, in dem eine Zeitspanne lang unerklärlich die Urheberkräfte dahinzuwelken schienen, nagte bitterscharf an den Wurzeln die Angst, der Urheber selbst wäre am Erlöschen. Denn es ist schwer vorzustellen, daß der Urheber als Urbild im göttlichen Schöpfungsreich restlos verschwindet. Die Langobarden sind zum Beispiel als Volk längst verschollen, am Mittelmeer jedoch trifft man häufig einen, in dem der Langobarde rassisch erkennbar bleibt. Man beweinte also Kardhu an seinem Grabe, weil man sicher unbewußt fühlte, daß ohne Urheber ein Volk nicht mehr Volk ist. Vielleicht eine Ansammlung von Menschen, nie aber ein Wesen. Ich kenne einen Volksrest im Kaukasus, Ude mit Namen, von dem nur drei, vier kleine Dörfer geblieben sind. Einzeln genommen leben die Uden ihr Leben wie die anderen. Sieht man sie aber genauer an, so findet man, daß ihre sanfte Stille an die metaphysische Todesnähe grenzt. Allem Anschein nach ist ihr Urbild geheimnisvoll entwirklicht.

Viele Maler, die hellseherisch tastenden Sinn besitzen, erblicken oft im Gesicht eines Menschen das Rassenbild des Betreffenden. Der unbekannte Meister hat in der Gestalt der Uta von Naumburg die Urfrau der Germanen zum vollendeten plastischen Ausdruck gebracht. In der Gräfin Uta ist das Urbild der nordischen Eva, vom Gefühl des Sündenfalls jedoch nicht belastet, lebendig verkörpert. Man hat das Gefühl, als trüge sie – die der Sonne völlig hingegeben ist – in ihrem Schoße die Sonnenfrucht selber, glühend und innerlich verhalten. Unvergleichlich diese keusche Mantelfalte am schönen Hals: ein Kennmal des Feuers, doch eines solchen, das immer rein bleibt und nie „schwül“ wird. Sie schwebt vor uns wie in Ferne entrückt und ist dabei so wirklich nah, daß man sich des Eindrucks nicht erwehren kann, man könne sie an irgendeiner Ecke eines mittelalterlichen Städtchens treffen.

Jeder einzelne steht irgendwie im unheimlich-heimlichen Zusammenhange mit dem Urbild des Volkes. Jedes Genie bewahrt vielfach unterbewußt den geheimen Kontakt mit dem Urheber seiner Rasse und wird von ihm in seiner Erscheinungsform geprägt. Ohne diesen Kontakt ist ein schöpferischer Akt nicht auszudenken. Die Geschichte könnte hier kaum eine einzige Ausnahme zeigen.

Aber Amerika und Amerikanismus? Eine bestürzende Frage, die scheinbar diese ganze Konzeption in Trümmer fallen läßt. Amerika scheint mir wirklich eine neue Welt zu sein, auf welche die hier angeführte Schau der Urheberkräfte auf den ersten Augenblick hin nicht zuzutreffen scheint. Man denke an die Atomisierung alles kulturellen Lebens in Amerika, an die Bindungslosigkeit des Seins und die Herrschaft des Individualismus. Hier fehlt dem Ganzen ein einheitliches Urbild, da es nicht von Anfang her gewachsen ist. Hier stehen wir vor einer Entwicklung, die auf neue Art zu einer Volkwerdung führen könnte. Es ließe sich hier möglicherweise folgende Einsicht andeuten. Was dem mythischen Menschen als Urheber erscheint, das ist dem amerikanischen Menschen die physikalische Kontinuität des Weltraums. Die Technisierung des Lebens könnte zu einer neuen Schau des Ursprungs des Lebens führen. Ein Flieger über dem Atlantik zum Beispiel kann sich durchaus für eine Sekunde im unendlichen Weltraum als eine Art von Sonnenmolekül empfinden. Dann offenbart sich der Urheber in diesem Empfinden. Würde es Einem glücken, sein Selbst auf diese Weise wahrzunehmen, so wäre er als Mystiker vielleicht noch größer und tiefer denn Irgendeiner, der unter dem Schatten eines Nußbaumes ruhig meditiert, ins Unendliche nirwanahaft eingehend. Zwar ist der Versuch ungeheuer schwierig, wie würde es aber den Sucher begnaden und beglücken!

Zwischen dem Urheber und dem Einzelnen besteht fortwährend eine Spannung, voller Dramatik. Jeder Dichter, der seiner Aufgabe mit Verantwortung gewachsen ist, spürt es eindeutig in seiner schöpferischen Arbeit. Er versucht, etwas Neues zu schaffen, das heißt im Reiche der Worte und Bilder die Schöpfung neu zu beginnen. Bleibt aber der Neubeginn dem Urbeginn nicht treu, so ist alles Schaffen der Willkür ausgesetzt, die höchstens Manieriertheit, nie aber einen echten Stil erzeugen kann. Goethe lehnte Kleist ab, nicht etwa deswegen, weil er „olympisch“ geschaffen war. Er spürte in sich den Kleist selber, den er zu bekämpfen hatte. Nichts fürchtete er so sehr als die Willkür. Im Falle Kleists schien es ihm als „Verwirrung der Gefühle“, die er dauernd überwinden mußte. So überwuchs er sich selbst fortwährend, um mit dem Urbeginn nie in Konflikt zu geraten.

Heil demjenigen, der die geheimnisvolle Zäsur zwischen dem Beginn und dem Urbeginn in Harmonie zu bewahren weiß; weh jenem, der es nicht vermag: er wird letzten Endes zunichte werden.

Wer aber überlebt den inneren Kampf mit dem Urheber, ohne dadurch der Vernichtung preisgegeben zu sein? O das Geheimnis des menschlichen Seins – es gibt auch solche: entweder Weltverneiner – man denke an manche Asketen – oder Weltvernichter.

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Bild: der-fuehrer.org

Hier gelange ich an den Zentralpunkt des Phänomens von Adolf Hitler. Der französische Schriftsteller Alphonse de Chateaubriant bezeichnet Hitler in seinem Buche über das neue Deutschland „La gerbe des forces“ als „l’homme nouveau“. Ja, Hitler ist wirklich der neue Mensch, präziser: ein neues Wesensbild des Menschen. Die spannende Zäsur zwischen dem Einzelnen und dem Urheber ist in seinem Seinselement als wohlwirkende immerwährende Interferenz schöpferisch tätig.

Quelle: Grigol Robakidse, Adolf Hitler – von einem fremden Dichter gesehen, Eugen Diederichs Verlag Jena 1939

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