Endzeitnotizen (75): Paulus und die Wiederkunft Christi (mit Schaubild)

Christen haben lange darüber diskutiert, ob es eine einzige Bibelstelle gibt, die beide Phasen des Kommens Christi erkennen lässt und dabei zeigt, dass sie durch die Trübsalszeit voneinander getrennt sind. Wir glauben, dass 2. Thessalonicher 2,1-12 – richtig verstanden – eine solche Stelle ist. Titus 2,13 kann man fast schon als Stelle bezeichnen, die beide Phasen seines Kommens in einem einzelnen Vers beschreibt, während das Buch der Offenbarung sie in einem gesamten Buch darstellt. Doch 2. Thessalonicher 2,1-12 lässt den gesamten Abriss dieser bedeutsamen Ereignisse innerhalb weniger Verse erkennen.

In diesem Abschnitt geht es um die gesamte Wiederkunft Jesu Christi (V. 1). Die Phase der Entrückung erkennt man auch in den Worten „unsere Vereinigung mit ihm“, während die Erscheinung in Herrlichkeit in V. 8 in den Worten „der Herr Jesus … wird (ihn beseitigen) durch den Hauch seines Mundes und vernichten durch die Erscheinung seiner Ankunft“ zu finden ist. Beachten wir, dass diese beiden Ereignisse durch das Wirken des Antichristen voneinander getrennt sind: „… der Gesetzlose … dessen Ankunft gemäß der Wirksamkeit des Satans erfolgt mit jeder Machttat und mit Zeichen und Wundern der Lüge und mit jedem Betrug der Ungerechtigkeit“ (V. 8-10). Es kann keinen Zweifel daran geben, dass dieser Gesetzlose das Werkzeug Satans ist und als „Antichrist“ bezeichnet wird. Eine vollständige Beschreibung seiner Taten während der Trübsal wird in Offenbarung 11-13 gegeben.

Es ist wichtig, darauf zu achten, dass das Auftreten des Antichristen eindeutig zwischen den beiden Phasen des Kommens Christi – der Entrückung (V. 1) und der Erscheinung in Herrlichkeit (V. 8) – eingeordnet werden muss, wobei Christus ihn bei dem letztgenannten Ereignis vernichten wird. In Offenbarung 19,20 sagt uns Johannes, dass Christus den Antichristen und den Falschen Propheten auf ewig in den Feuersee wirft. Allein dieser Tatbestand spricht eindeutig für die Reihenfolge der Ereignisse gemäß der Lehre von der Entrückung vor der Trübsal: Zuerst finden wir die Entrückung, dann wird der Mensch der Gesetzlosigkeit geoffenbart, und schließlich wird er durch die Erscheinung der Wiederkunft Jesu in Herrlichkeit vernichtet. Dies ähnelt der Beschreibung, die der Apostel Johannes in Offenbarung 4,1-3 von der Entrückung gibt, bevor er in Offenbarung 6-18 die siebenjährige Trübsalszeit darstellt und in Offenbarung 19,1-20 zur Erscheinung Christi in Herrlichkeit übergeht.

Was ist mit „abfallen“ gemeint?

Diese Reihenfolge der Ereignisse bestätigt hinreichend, dass die Lehre von der Entrückung vor der Trübsal richtig ist. Es gibt jedoch noch einen weiteren Beweis, der sich bei richtigem Verständnis in 2. Thessalonicher 2,3 findet: „… dieser Tag kommt nicht, es sei denn, dass zuerst der Abfall gekommen … ist.“ Unter den Auslegern gibt es kaum Übereinstimmung darüber, ob sich das griechische Wort apostasia („abfallen“) auf eine Trennung in wörtlichem Sinn (Entrückung) oder ein Abfallen in übertragenem Sinn (Abkehr vom Glauben) bezieht.*
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* Anm. des dt. Hrsg.: Diese Auseinandersetzung um den Begriff „Abfallen“ ist im deutschen Sprachraum kaum bekannt, da sie hauptsächlich auf den Übersetzungen in der King James Bibel beruht. Im deutschen Sprachraum ist eigentlich nur die Variante Abfallen, im Sinn einer Abkehr vom Glauben, geläufig.

Die ersten sieben Übersetzungen der englischen Bibel gaben es mit „weggehen“ wieder. Niemand weiß, warum die Übersetzer der King-James-Bibel es mit „abfallen“ wiedergaben oder andere es mit „Rebellion“ übersetzen. Es spricht alles dafür, dass alle sieben englischen Bibelübersetzungen des Spätmittelalters das Wort richtigerweise mit „weggehen“ wiedergaben. Damit kann ein Weggehen im wörtlichen Sinne bzw. eine Entrückung gemeint sein. Wenn „weggehen“ die richtige Bedeutung ist, lässt diese Stelle keine Fragen bezüglich der Entrückung vor der Trübsal offen, weil sie die Entrückung vor der Offenbarung des Menschen der Gesetzlosigkeit einordnet. Wenn jedoch die verbreitete Ansicht, dass „Abfall“ bzw. „Rebellion“ die richtige Bedeutung sei, stimmt, spricht apostasia vom Aufstieg des Antichristen während der Trübsal. Die wichtige Wahrheit besteht darin, dass „dieser Tag“ bzw. die Erscheinung in Herrlichkeit erst kommen wird, wenn „der Sohn des Verderbens“ geoffenbart worden ist (siehe Offenbarung 12-13).

Dr. Kenneth S. Wuest, ein Kenner der griechischen Sprache, merkt zu der richtigen Übersetzung von apostasia Folgendes an:

„Das Stammverb ‚aphistemi‘ kommt 15-mal im Neuen Testament vor. Es wird dabei sehr verschieden übersetzt: viermal mit ‚weichen von j-m‘, dreimal mit ‚abstehen von etw. bzw. j-m‘, dreimal mit ‚abfallen von etwas bzw. j-m‘ sowie je einmal mit ‚ablassen von j-m‘, ‚j-m abrünnig machen‘, ‚von j-m scheiden‘, ’sich von j-m trennen‘ und ‚etw. einer Sache berauben‘. Einmal wird es in Verbindung mit dem Abfall vom Glauben gebraucht (1. Timotheus 4,1). Schon die Tatsache, dass die erläuternden Wörter ‚vom Glauben‘ hinzugefügt werden, lässt erkennen: Das Wort an sich bringt nicht den Gedanken einer Abtrünnigkeit gegenüber der Wahrheit zum Ausdruck. Achtmal wird es im Blick auf das Abwenden von einer Person verwendet und einmal im Sinn einer Ortsveränderung (weggehen). An den anderen Stellen, an denen es vorkommt, wird es teilweise mit ‚abfallen‘ (z.B. derer, die sich in der Versuchung befinden; Lukas 8,13), eine Menge Volk ‚abtrünnig machen‘ (Apostelgeschichte 5,37) und von diesen Männern ‚abstehen‘ (Apostelgeschichte 5,38) übersetzt. Meist beschreibt dieses Verb im NT daher einen Menschen, der sich von einer anderen Person abwendet oder einen Ort verlässt. Das im Neutrum stehende Substantiv ‚apostasion‘, wird an drei Stellen mit ‚Abfall‘ übersetzt und meint dort die ‚Scheidung‘ bzw. ‚Abwendung‘ einer Person von einer anderen. Thayer übersetzt den Begriff mit ‚Abtrünnigkeit‘ (z.B. Abtrünnigkeit eines freigelassenen Sklaven gegenüber seinem Schutzherrn), ‚Scheidung‘, ‚Aufkündigung der Gefolgschaft‘. Das weibliche Substantiv ‚apostasia‘, erscheint in Apostelgeschichte 21,21. Dort geht es um Vorwürfe gegenüber Paulus: Er lehre ‚alle Juden, die unter den Nationen sind, ‚Abfall von Mose‘.“ [Kenneth S. Wuest, Prophetic Lightin the Present Darkness (Grand Rapids: Eerdmans, 1955), S. 39-40.]

Nach anderen Kennern des griechischen Grundtextes hat ‚apostasia‘ noch eine zweite Bedeutung, nämlich „sich entfernen“, „entschwinden“. Aufgrund dessen gibt es einen triftigen Grund, die ursprüngliche englische Übersetzung („das Weggehen“, das sich auf die Entrückung beziehen lässt) eher zu akzeptieren als die Ausdrücke „abfallen“ (King-James-Bibel) bzw. „Rebellion“. Ja, wir erkennen, dass sich die Wendungen „unsere Vereinigung mit ihm“ in V. 1 und apostasia in V. 3 auf das Weggehen der Heiligen bei der Entrückung beziehen. Damit wird unsere Behauptung bestätigt, wonach die beiden Phasen der Ankunft unseres Herrn, die durch die Trübsal voneinander getrennt sind, in 2. Thessalonicher 2,1-12 erwähnt werden.

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Quelle:
LaHaye/ Ice, Countdown zum Finale der Welt (…), Dillenburg 52016, S. 48-50; Schaubild ebd., S. 49.

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Bemerkung: Die Übersetzung von ‚apostasía‘ als ‚discessio‘ (= 1. Auseinandergehen, Trennung; 2. Abstimmung (im Senat, durch eine Art Hammelsprung); 3. Abmarsch) in der lateinischen Vulgata 2. Thessalonicher 2,3 bestätigt m.E. die Ausführungen des Artikels: Ne quis vos seducat ullo modo, quoniam nisi venerit discessio primum et revelatus fuerit homo peccati, filius perditionis, etc. — G.d.Th.

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