Endzeitnotizen (47): Q&A – Kleine Korrespondenz zu Endzeitthemen

Kommentare anlässlich von: Endzeitnotizen (38): Wer sind die 144.000 Versiegelten (Offb 7,4-8)?

R.:

Nach der Entrückung gibt es noch eine frühe Zeit der Drangsal?
Wie weit ist das logisch?
Bitte um kleine Nachhilfe,
R[…]

G.:

Die Gemeinde wird vor Beginn der 7-jährigen Drangsal entrückt.
Es bleiben die Unerlösten. Während der Drangsal bekehren sich die 144.000 aus Israel und – wahrscheinlich auch durch ihr evangelisierendes Wirken – eine große Menge aus allen Völkern und Stämmen zum Herrn Jesus Christus.
So steht es in der Schrift. Was ist daran unlogisch?
G[…]

R.:

Werter G[…],
danke für deine Antwort.
Da ich, als Teil-Autist, mit der Vielzahl von Informationen oft überfordert bin, erlaube die folgenden Fragen, mit der Bitte, mir die Textstellen zu nennen:
Wo finde ich
a) die 7 Jahre als genauen, genannten Zeitraum
b) daß dann, bzw. zuvor die Gemeinde entrückt wird
c) das dann in Folge, also den 7 Jahren sich 144.000 aus Israel oder „Israel“ bekehren.
Wenn du mich vorerst zu diesen drei Aspekten schlau machen würdest, gerade unter dem Aspekt der Logik, wäre ich dir sehr verbunden.
Liebe Grüße,
R[…]

G.:

Werter R[…],

danke für die Fragen, die mir sehr sinnvoll erscheinen.

Aus ihnen meine ich ersehen zu können, dass Du zur Lehre von den (allgemeinen) letzten Dingen noch keinen festen Standpunkt hast.

Wer zu dem Herrn Jesus Christus gehört, das heißt, zu Ihm in der Beziehung steht, dass er von Ihm „gekannt“ wird (lies dazu bitte die Stellen Matthäus 25,12 u. 2 Timotheus 2,19), der nimmt an der Entrückung –falls sie sich zu unseren Lebzeiten ereignet– teil, ob er sie nun eschatologisch genau einordnen kann oder nicht. Allein auf diese lebendige Beziehung kommt es letztlich an.

Meine Antworten auf Deine Fragen beruhen auf gewissen Voraussetzungen und Vorentscheidungen, wie:
die Existenz Gottes;
dass dieser Gott allein der Gott der biblischen Offenbarung (Altes und Neues Testament) und kein anderer ist;
dass die Bibel das inspirierte, autoritative, irrtumslose Wort Gottes ist;
gewisse Auslegungsgrundsätze, die leitend sind für die Erklärung biblischer Offenbarung und Lehre (Literalprinzip, historisches Prinzip, grammatisches Prinzip, synthetisches Prinzip, Prinzip der Klarheit);
gewisse Unterscheidungsmerkmale biblischer Theologie gegenüber anderen Ansätzen (wie Bibel plus Tradition). Dazu gehören hier vor allem diese Merkmale: fortschreitende Offenbarung Gottes; biblisch abgeleitete (nicht theologische) Bündnisse und Haushaltungen Gottes; Gottes Souveränität in der Erlösung von Sündern; biblisch begründetes Verständnis der neutestamentlichen Gemeinde; ein futuristisches prämillenniales Verständnis der Eschatologie entsprechend Gottes souveränem Plan für die ganze Welt, einschließlich Israel.

Unter den genannten Voraussetzungen ist zu erkennen, dass die Bibel viele prophetische Aussagen enthält (man spricht von wenigstens 25 % des Bibeltextes), von denen ein Teil sich in der Vergangenheit erfüllt hat, ein anderer Teil sich gegenwärtig erfüllt und der Rest sich in der Zukunft erfüllen wird.

Zur Bedeutung der Auslegungsgrundsätze für die Beurteilung der Endzeit und über unterschiedliche Auslegungsoptionen:

Endzeitnotizen (29): Die zukünftigen Dinge und Ansichten darüber

Endzeitnotizen (18): Vier Auslegungsansätze für das Buch Offenbarung

Dies vorausgeschickt, nun zu Deinen Fragen:

a) Wo finde ich „die 7 Jahre als genauen, genannten Zeitraum“.

Die sieben Jahre sind die letzte der 70 Jahrwochen in der Prophezeiung des Propheten Daniel. Diese 70 Jahrwochen sind aufgeteilt in: 7 + 62 + 1 Jahrwoche. Du findest diese Prophezeiung im Buch Daniel, Kap. 9, Verse 20 bis 27. Darüber gibt es eine Menge Literatur, auch im Internet. Als kürzeste kompetente Auskunft empfehle ich Dir die Anmerkungen zu diesem Bibelabschnitt in der MacArthur-Studienbibel, Seite 1171-1172. Du kannst sie hier herunterladen:

John MacArthur-Studienbibel

Eine kurze, nicht zu spezialistische Auskunft gibt auch dieser Artikel:

gotquestions.org/Deutsch/siebzig-wochen.html

Dazu auch:

Endzeitnotizen (13): Die 490 Jahre der prophetischen Bestimmung Israels – Einleitung und Schlussfolgerung

Endzeitnotizen (30): Daniels Überblick über die Zukunft – Visionen Daniels und Traum Nebukadnezars (Schaubild)

Endzeitnotizen (31): Die 70 Wochen Daniels (Schaubild)

Endzeitnotizen (33): Die Trübsal – Daniels siebzigste Woche (Schaubild)

b) Wo finde ich, „daß dann, bzw. zuvor die Gemeinde entrückt wird“

* zum „dass“, also der Tatsache als solcher: Die Tatsache der Entrückung ist klar bei Paulus ausgesprochen, der auch das betreffende Wort als Verbform, gebraucht, s.u.

* zum „wann“: Über den Zeitpunkt der Entrückung gibt es verschiedene Ansichten:

Entrückung vor der siebenjährigen Drangsalszeit = Prätribulationalismus (diese Ansicht wird von mir vertreten);
inmitten der Drangsal = Mediotribulationalismus;
ähnlich: Entrückung vor dem Zorn („pre-wrath rapture“);
nach der Drangsal, zusammenfallend mit dem zweiten, öffentlichen Kommen des Herrn = Posttribulationalismus;
Teilentrückung bzw. Teilentrückungen (wird nur von wenigen vertreten).

Zum Prätribulationalismus ein Zitat aus der obengenannten Studienbibel; darin findest Du auch die wichtigsten Schriftstellen (Seite 2.156):

„7.2. Die Entrückung der Gemeinde Die Schrift lehrt die persönliche, leibliche Wiederkunft unseres Herrn Jesus Christus vor der siebenjährigen Trübsalszeit (1Th 4,16; Tit 2,13), um Seine Gemeinde von der Erde zu entrücken (Joh 14,1-3; 1Kor 15,51-53; 1Th 4,15 – 5,11) und, zwischen diesem Ereignis und Seiner Wiederkunft in Herrlichkeit mit Seinen Heiligen, die Gläubigen entsprechend ihrer Werke zu belohnen (1Kor 3,11-15; 2Kor 5,10).“

Die Stelle, wo der Apostel Paulus das Wort Entrückung verwendet, ist 1. Thessalonicher 4,17 (griechisch: „harpagesómetha“ = wir werden entrückt werden, zum Verb: „harpázo“. Die lateinische Vulgata übersetzt das mit „rapiémur“, vom Verb „rápere“ bzw. „rápio“. Davon ist das englische Wort „rapture“ = Entrückung abgeleitet).

Dazu auch:

Endzeitnotizen (9): Die beiden Phasen der Wiederkunft Christi

Endzeitnotizen (10): 15 Unterschiede zwischen der Entrückung und der Erscheinung in Herrlichkeit

Endzeitnotizen (11): Die beiden Phasen des Kommens Christi — Bibelstellen zur Entrückung und Bibelstellen zur Wiederkunft in Macht und Herrlichkeit

Endzeitnotizen (23): „Warum ich an eine Entrückung vor der Trübsal glaube“- Von Nathan E. Jones

c) Wo finde ich, dass „dann in Folge, also den 7 Jahren sich 144.000 aus Israel oder ‚Israel‘ bekehren.“

Diese Menschengruppe wird in der Bibel nur an zwei Stellen erwähnt: in Offenbarung 7,4-8 und Offenbarung 14,1-5. Diese Verse gilt es also genau zu betrachten und auszulegen. Dass die 144.000 als „Knechte Gottes“ (7,3) das Evangelium des Reiches auf Erden verkünden werden, ist eine V e r m u t u n g, die sich aus der endzeitlichen Rolle Israels ergibt. Unter der Voraussetzung der oben erwähnten Auslegungsgrundsätze ist jedoch völlig klar (und das wird auch im Artikel betont), dass es sich bei diesen 12 x 12.000 Versiegelten nicht um Katholiken, Protestanten oder Zeugen Jehovas handeln kann, sondern nur um buchstäbliche Israeliten (nicht „Israeliten“). Über dieses Thema kann man auch in Standardwerken wie „Handbuch der biblischen Prophetie“ von Arnold G. Fruchtenbaum, „Brennpunkte biblischer Prophetie“ von John F. Walvoord, „Lexikon zur Endzeit“ von Mal Couch (Hg.) nachlesen – aber was sie dazu schreiben, deckt sich mit dem, was Ron Rhodes zusammengefasst hat.

Legt man andere Auslegungsgrundsätze und eschatologische Sichtweisen zugrunde (etwa den Amillennialismus der großen Kirchen), kann man freilich zu anderen Ergebnissen kommen.
Mit herzlichem Gruß,
G[…]

R.:

Danke werter G[…],

für die ausführliche Antwort und die Vielzahl der Links und Informations-Quellen.
Dennoch möchte ich eine weitere Frage stellen (zu meiner Frage „a“, die 7 Jahre),
basiernd und bezüglich deiner Antwort hier.
Meine simple Frage hier zum Verständnis:

Wann fangen denn diese 70 Jahrwochen an?
Das Buch Daniel ist mir soweit bekannt, wie eben auch konsequenterweise diese „Zeit-Prophetie“.
Du weist hier ja auch auf eine weitere, externe Ausarbeitung hin,
jedoch kannst du mir, hier für´s Erste, eine Antwort mit deinen Worten geben?
Mit bestem Dank und offener Neugier,
Raphael.

G.:

Werter R[…],
für die Antwort, die ich Dir geben kann, benutze ich meine Worte, aber darin mitgeteilte Erkenntnisse schöpfe ich aus Sekundärliteratur (Kommentare, Artikel, Monographien, Handbücher, Lexika, …) von Wissenschaftlern aus der theologischen „Schule“ mit der Bibelauslegung, die mir am einleuchtendsten ist, dem Dispensationalismus. Das habe ich Dir schon in meiner letzten Antwort geschrieben. Jedoch nehme ich zur Kontrolle auch andere Standpunkte zur Kenntnis (etwa indem ich die ESV (English Standard Version) Study Bible, die bei Crossway herausgekommen ist, konsultiere).
Es ist mir bekannt, dass es viele und vielerlei Berechnungs- und Datierungsversuche gibt. Meine persönliche Lage erlaubt es mir derzeit nicht, wie es für eine gründliche Untersuchung erforderlich wäre, eine gute theologische Bibliothek zu benutzen. (Früher war mir das möglich, da tat ich solches auch.) So bin ich auf meine bescheidenen Hilfsmittel angewiesen. Der Bedingtheit meiner Meinungen und Aussagen bin ich mir bewusst.
Eine von vielen Schwierigkeiten ist auch, dass das biblische Hebräisch für unsere Begriffe lexikalisch recht arm ist, woher dann manche Wörter vieldeutig sind, für die das Deutsche, aber auch das antike Griechisch präzisere, differenziertere Ausdrucksmöglichkeiten bereit hält bzw. hielt. So etwa gleich in Daniel 9,25. Walvoord & Zuck, auf die ich mich in meiner Antwort an Dich stütze, sprechen da von „der Verkündigung des Erlasses … Jerusalem zu erneuern und wieder aufzubauen“ (Das Alte Testament, erklärt und ausgelegt, Bd. 3, 3. Aufl., Hänssler Verlag, Holzgerlingen 2000, S. 431). Im Hebräischen steht da kein spezielles Wort für „Erlass“, sondern „davar“, was einfach „Wort“ heißt, wohl auch Erlass bedeuten kann, aber auch manches andere. Die um Genauigkeit bemühte Elberfelder Bibel (CSV) übersetzt hier denn auch: „Vom Ausgehen des Wortes, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis auf den Messias, den Fürsten, sind 7 Wochen und 62 Wochen (usw.)“. Entsprechend haben manche Ausleger das „Wort“ nicht als Erlass verstanden und es auf die Prophezeiung des Jeremias bezogen, wodurch sie zu ganz anderen Ergebnissen kommen (falls es nicht umgekehrt war: dass sie schon eine eschatologische Ansicht hatten und diese durch eine andere Auslegung von Daniel 9,25ff zu begründen suchten).
Versteht man das Wort als Erlass (wofür es guten Grund gibt), so werden deren vier in der Bibel erwähnt:
1. Der Erlass von Kores (Kyrus) 538 v. Chr. (2. Chronik 36,22-23; Esra 1,1-4; 5,13)
2. Der Erlass des Darius I. 512 v. Chr. (Esra 6,1.6-12)
3. Der Erlass des Artasasta (Artaxerxes Longimanus) 457 v. Chr. (Esra 7,11-26)
4. Der Erlass ebendesselben 444 v. Chr. (Nehemia 2,1-8)
Beim Lesen dieser Bibelstellen (was ich getan habe) zeigt sich unzweifelhaft, dass allein der 4. Erlass die Angaben von Daniel 9,25 erfüllt. Walvoord/Zuck datieren ihn auf den 5. März 444 v. Chr. Warum, geben sie nicht an. Andere Kommentatoren datieren den Erlass allgemeiner auf 445 oder 444.
Nun habe aber auch ich eine Frage: Was für eine Sicht der Endzeit hast denn Du?
Besten Gruß,
G[…]

G.:

Werter R[…],

als Nachtrag zu meiner Antwort auf Deine letzte Anfrage, zu welchem Zeitpunkt denn die 70 Jahrwochen Daniels beginnen, sende ich Dir noch zwei Photos. Es sind Aufnahmen aus dem Kommentar der ESV Study Bibel, der Nummer 1 der Studienbibeln (ESV = English Standard Version; siehe wikipedia.org/wiki/ESV_Study_Bible), sowohl was den Umfang als auch die Qualität betrifft. (Meine Ausgabe, aus der auch die Fotos stammen, ist eine leseleichte Großdruckausgabe und umfasst 3.024 Seiten: crossway.org/bibles/esv-study-bible-large-print-tru-2/ .)

Der Kommentar und die Schautafel geben eine Übersicht über die wichtigsten Auslegungsarten der 70 Jahrwochen von Daniel 9:

wordpress.com/2021/05/esv-chart-the-70th-week-of-daniel-9.jpg ;

wordpress.com/2021/05/esv-comment-the-70th-week-of-daniel-9.jpg ]

Besten Gruß!
G[…]

G.:

Nachtrag 2:
Aus dem Kommentar zu Daniels 70 Jahrwochen von:
John F. Walvoord und Roy B. Zuck (Hg.), Das Alte Testament, Band 3: Jesaja – Maleachi, S. 432-433
Meiner Meinung nach die treffendste Erklärung. Zum selben Ergebnis, etwas anders berechnet, kommt auch Dr. Roger Liebi.
G.

wordpress.com/2021/05/walvoord-zuck-at-bd3-s432.jpg ;

wordpress.com/2021/05/walvoord-zuck-at-bd3-s433.jpg ]

***

https://gloria.tv/post/dmn7vNTeAN1c1hRjGVCERUNKS

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