Karl Friedrich von Gerok (1815 – 1890), deutscher Theologe und Dichter: Fünf Gedichte aus den „Palmblättern“: 1. Laß mich nicht in Menschenhände fallen; 2. Golgatha; 3. Paulus auf dem Areopag; 4. Du hast gesiegt, Galiläer!; 5. Ewige Jugend

Karl Friedrich (von) Gerok (auch Friedrich Karl von Gerok, (* 30. Januar 1815 in Vaihingen an der Enz; † 14. Januar 1890 in Stuttgart) war ein deutscher Theologe und Lyriker.

Leben

Karl Friedrich Gerok studierte 1832-36 im Tübinger Stift und wurde im Jahre 1840 dort Repetent. Ab 1844 war er Diakonus in Böblingen und 1849 in Stuttgart, wo er 1852 zum Dekan und 1868 zum Oberhofprediger, Oberkonsistorialrat und Prälat ernannt wurde. Theologisch der kirchlich-konservativen Richtung angehörend, faßte Gerok als Prediger sowohl wie als Dichter das Sein weniger von seiner dogmatischen, als von seiner humanen, Welt und Leben veredelnden Seite auf.

In weiteren Kreisen wurde Gerok besonders durch seine „Palmblätter“ bekannt, eine durch Innigkeit der Empfindung und Schönheit der Form gleich ausgezeichnete Sammlung christlicher Gedichte. An die „Palmblätter“ reihte sich als Neue Folge an: „Auf einsamen Gängen“, ferner „Pfingstrosen“, Gedichte aus dem Kreise der Apostelgeschichte, „Unter dem Abendstern“, „Blumen und Sterne“, dazu als Neue Folge „Der letzte Strauß“. Den großen Ereignissen von 1870 und 1871 verdanken sein Dichtwert „Deutsche Ostern“, „Vaterländische Gedichte“, sowie „Eichenlaub“ ihre Entstehung. Seine Predigten erschienen in verschiedenen Sammlungen.

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Der Dichter

Gerok gehört wie Hebel zu den Dichtern, die erst im reiferen Lebensalter ihre Dichterharfe erklingen ließen. Er war fast vierzig Jahre alt, bevor eins seiner Gedichte, „gegen seinen Willen“ gedruckt, in die Öffentlichkeit kam. 1853 erschienen seine „P a l m b l ä t t e r“, die ihn mit einem Schlage zu einem der gefeiertsten Dichter machten und über 100 Auflagen erlebt haben. Das Buch enthält vier Abteilungen („Heilige Worte“, „Heilige Zeiten“, „Heilige Berge“, und „Heilige Wasser“) eine Sammlung poetischre Erläuterungen und Betrachtungen zu biblischen Stellen. Von diesen Dichtungen sagt Gerok selbst:

„Palmblätter sind’s, im Morgenland gepflückt,
wo gern mein Geist gewandelt unter Palmen
und fernher oft im Windeshauch entzückt
den Widerhall vernahm von Davids Psalmen.“

Eine Fortsetzung dieser Sammlung erschien später unter dem Titel: „A u f   e i n s a m e n   G ä n g e n“. Was das deutsche Volk seinem Dichter dankt, sagt Emil Frommel, ein Freund Geroks, in folgenden Worten: „Tausend und Abertausende haben ihm laut und still gedankt: sein König mit dem Kreuz, sein Kaiser mit dem Stern für das, was er unserm Volk ins Herz gesungen; die Soldaten für seine tapfern „Deutsche Ostern 1870“, drin Viktoria und Trauermarsch ertönt; die Pfarrherren für seine „P r e d i g t e n“, die so manche mit mehr oder weniger Glück und Unglück nachpredigen; die Mägdlein für die „B l u m e n   u n d   S t e r n e“, die er ihnen ins Leben gestreut; die Alten für den duftenden „L e t z t e n   S t r a u ß“, den sie sich noch in holder Erinnerung an die Brust stecken können, und die Siebziger für die Lieder „U n t e r m   A b e n d s t e r n“, die einem so mild „heimleuchten“. Vor allem aber wandeln unter dem Schatten seiner „P a l m b l ä t t e r“ Tausend und Abertausende ungestraft; denn schon die hundertste Auflage ist in die Welt gegangen.“

Über Geroks Dichtergabe sagt Frommel: „Was Eichendorff singt:

„“Schläft ein Lied in allen Dingen,
die da träumen fort und fort,
und die Welt hebt an zu klingen,
triffst du nur das Zauberwort!““

das versteht Gerok meisterlich. Alles strömt ihm natürlich zu und wächst ihm zum Fenster hinein; strömt`s nicht, wächst es nicht, wird auch nicht gedichtet – es muß das Gedicht wie der reife Apfel vom Zweig fallen. Das macht sie so verständlich, man meint, so könne man’s auch – aber mach’s einmal! Nirgends ein unedler Vers und platter Gedanke oder lückenbüßender Stoßseufzer. Der Reim quillt fröhlich, oft überraschend hervor. Der Dichter braucht nicht an der Feder zu kauen und das Alphabet sich hersagen, bis er ihn richtig gefunden wie andere Werktagskinder. Gerok war eben ein Sonntagskind.“

Zu den bekanntesten und schönsten Gedichten Geroks gehören: „Sind das die Knaben alle?“, „Auch du, mein Sohn?“, „Ich bin ein Christ“, „Ave Caesar, morituri te salutant!“, „Das Mägdlein schläft“, „Konfirmation“, „Kindergottesdienst“, „Gewitter“, „Des armen Knaben Christbaum“, „Wer feiert die fröhlichsten Ostern?“, „Pfingstlied“, „Des deutschen Knaben Tischgebet“, „Die Rosse von Gravelotte“, „Wie Kaiser Karl Schulvisitation hielt“, „Wie Kaiser Karl schreiben lernte“, „Tannhäuser“.

C. Carstensen: Deutsche Geisteshelden – Aus dem Leben deutscher Dichter, 3. vermehrte Auflage, Braunschweig und Leipzig 1914, S. 228-229

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Laß mich nicht in Menschenhände fallen.

2 Sam. 24, 14.

David sprach zu Gad: Es ist mir sehr
angst, aber laß uns in die Hand des
HErrn fallen, denn seine Barmherzig-
keit ist groß, ich will nicht in der
Menschen Hände fallen.

Nicht in   M e n s c h e n h ä n d e   laß mich fallen,
Herr, ich weiß, wie Menschentücke thut,
Wie die Taube in des Geiers Krallen,
Wie das Lamm in Tigertatzen ruht;
Laß mich fallen, Gott, in deine Hände,
Ueb an mir dein heiliges Gericht,
Kenn ich doch den Vater, dem am Ende
Ueber seinem Kind sein Herze bricht.

Nicht von   M e n s c h e n a u g e n   laß mich schätzen,
Welche blind nach Schein und Schimmer gehn,
Tückisch an des Nächsten Fall sich letzen,
Gierig nach des Bruders Splitter spähn;
Leite mich mit deinem Angesichte,
Dessen Flammenblick mein Herz durchblitzt,
Doch deß Vateraug mit mildem Lichte
Vor dem Fall sein schwaches Kindlein schützt.

Nicht von   M e n s c h e n z u n g e n   laß mich richten,
Deren Pfeil am Ziel vorübertrifft,
Eitel ist ihr Lob und frommt mit nichten,
Und ihr Grimm ist gährend Otterngift;
Richte mich durchs Wort aus deinem Munde,
Wie ein Schwert durchhaut es Mark und Bein,
Aber in die gottgeschlagne Wunde
Träuft es mild der Gnade Balsam ein.

Nicht auf   M e n s c h e n h e r z e n  laß mich trauen,
Nicht auf Herrengnad und Volkesgunst,
Eh will ich mein Korn im Wasser bauen
Und mein Haus im goldnen Wolkendunst;
Laß mich ruhen, Herr, an deinem Herzen,
Unter deinen Flügeln wohnt sichs warm;
Selig, wer in Freuden dir und Schmerzen
Fällt als Kind in deinen Vaterarm.

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Golgatha.

„Ich bin durch diese Zeiten,
Wohl gar durch Ewigkeiten
In meinem Sinn gereist:
Doch wo ich hingekommen;
Nichts hat mir’s Herz genommen,
Als Golgatha, Gott sei gepreist!“
Z i n z e n d o r f.

Durch manche Länderstrecke
trug ich den Wanderstab,
Von mancher Felsenecke
Schaut ich ins Thal hinab;
Doch über alle Berge,
Die ich auf Erden sah,
Geht mir ein stiller Hügel,
Der Hügel Golgatha.

Er ragt nicht in die Wolken
Mit eisgekrönter Stirn,
Er hebt nicht in die Lüfte
Die sonnige Alpenfirn,
Doch so der Erd entnommen
Und so dem Himmel nah
Bin ich doch nie gekommen,
Wie dort auf Golgatha.

Es trägt sein kahler Gipfel
Nicht Wälderkronen stolz,
Nicht hohe Eichenwipfel,
Nicht köstlich Cedernholz;
Doch alle Königscedern,
Die einst der Hermon sah,
Sie neigen ihre Kronen
Dem Kreuz auf Golgatha.

Nicht gibt es dort zu schauen
Der Erde Herrlichkeit,
Nicht grüngestreckte Auen,
Nicht Silberströme breit;
Doch alle Pracht der Erde
Verging mir, als ich sah
Das edle Angesichte
Am Kreuz auf Golgatha.

Kein Bächlein quillt krystallen
Dort aus bemoostem Stein,
Nicht stolze Ströme wallen
Von jenen Höhn landein;
Doch rinnt vom Stamm des Kreuzes
In alle Lande da
Ein Born des ewgen Lebens,
Das Blut von Golgatha.

Des Hügels Stirn umfunkelt
Kein goldner Sonnenschein,
Ein schwarz Gewitter dunkelt
Ob ihm jahraus, jahrein;
Doch unterm blausten Himmel
Von Rom und Attika
Sucht ich die heil’gen Schatten
Am Hügel Golgatha.

Dort schlägt der stolze Heide
Stillbüßend an die Brust,
Des Schächers Todesleide
Entblühet Himmelslust;
Dort klingen Engelsharfen
Ein selig Gloria,
Die Ewigkeiten singen
Ein Lied von Golgatha.

Dorthin, mein Erdenpilger,
Dort halte süße Rast;
Dort wirf dem Sündentilger
Zu Füßen deine Last!
Dann geh und rühme selig,
Wie wohl dir dort geschah;
Der Weg zum Paradiese
Geht über Golgatha.

___

Paulus auf dem Areopag.

Apostelgeschichte 17.

Schau, was läuft und rennt die Menge?
Was gibts Neues in Athen,
Daß die Hörer im Gedränge
Um den fremden Redner stehn?
Lehret dort mit mildem Witze
Tiefe Weisheit Sokrates?
Schleudert seine Redeblitze
Zürnend ein Demosthenes?

Nein, der schlichte Fremdling dorten
Buhlet nicht um Pöbelgunst,
Haschet nicht nach hohen Worten
Falschberühmter Menschenkunst;
Volkesjubel, Fürstendrohen
Wandelt nicht sein ernst Gesicht,
Und die Götter selbst, die hohen,
Zieht er heute vor Gericht.

„Allzu fromm muß ich euch nennen,
O ihr Männer von Athen;
Eure Opfer hab ich brennen,
Eure Tempel prangen sehn;
Doch von den Altären allen,
Das bezeug ich ohne Spott,
Hat mir einer nur gefallen:
„“Für den unbekannten Gott.““

„Nun den großen Unbekannten,
Dem vergebens Jahr um Jahr
Eurer Sehnsucht Opfer brannten,
Heut mach ich ihn offenbar;
Tempel nicht von Menschenhänden
Schließen seine Gottheit ein,
Denn die Welt mit ihren Enden
Ist für seinen Thron zu klein.“

„Fühlt ihr seines Odems Weben
Nicht im Sturm und Frühlingswind?
Ahnt ihr nicht sein göttlich Leben,
Drin wir leben, weben, sind?
Ist in eurer Brust vergangen
Jede Spur des Kindesrechts,
Da doch eure Dichter sangen:
„“Wir sind göttlichen Geschlechts?““

„Könnt ihr eure Kniee beugen
Einem Bild von Erz und Stein?
Kann sein prächtig Haupt euch neigen
Euer Zeus von Elfenbein?
All die heitern Fabelgötter,
Eurer Dichter schöner Traum,
Sind sie Helfer, sind sie Retter,
Sind sie mehr als bunter Schaum?“

„Doch die Träume sind zerronnen
Und vergangen ist die Nacht,
In dem Glanze neuer Sonnen
Ist die Welt vom Schlaf erwacht;
Gnädig hat der große Vater
Alte Thorheit übersehn,
Aber bald im Wetter naht er
Furchtbar ins Gericht zu gehn.“

„Einer ists, in dem er Allen
Gnade noch und Frieden beut,
Einer führt, was tief gefallen,
Noch zurück zur Herrlichkeit,
Einer, der in bittern Wehen
Blutend an dem Kreuze starb,
Und durch Tod und Auferstehen
Heil und Frieden euch erwarb.“

„Lernt von ihm, was eurer Meister
Weiseste nur halb gesehn,
Lernt das tiefste Weh der Geister,
Lernt der   S ü n d e   Macht verstehn!
Lernt was auf dem kecksten Gange
Euren Helden nicht geglückt:
B u ß e , welche kühn die Schlange
In der eignen Brust zerdrückt.“

„Zittert vor dem Weltenrichter,
Fühlt des   T o d e s   Bitterkeit,
Den betrüglich eure Dichter
Euch mit Blumen überstreut;
Sucht, was ihr gesucht vergebens
In der Feste heitrem Glanz:
Jaget nach des   e w g e n   L e b e n s
Unverwelklich grünem Kranz.“

Sprichts und schweigt, — und mit Geplauder
Schwärmt die leichte Menge heim,
Aber manches Herz mit Schauder
Fühlet neuen Lebens Keim;
Epikurer, losen Spottes,
Lachen den Barbaren aus,
Doch entzückt als Engel Gottes
Führt ihn Dionys ins Haus. —

Oede steht im Abendlichte
Der geweihte Hügel da,
Wo man heute vor Gerichte
Selbst die hohen Götter sah;
Herbstlich rauschen die Platanen
In des Westes leisem Wehn,
Drunter starr, in Todesahnen,
Weiße Marmorbilder stehn.

Und aus rother Abendwolke
Blickt die luftge Götterschaar
Scheu nach dem geliebten Volke,
Wo so gut zu wohnen war!
Bald, o Zeus, wird sich bemoosen
Deines Tempels Prachtgebälk,
Schöne Cypris, deine Rosen
Hängen schon zu Boden welk!

Lenke still zum Meere nieder
Deine Rosse, Helios,
Nie in deinem Golde wieder
Glänzt Athenes Marmorschloß!
Deine Fackel muß verglosten,
Und beschlossen ist dein Lauf,
Siegreich geht im heilgen Osten
Eine neue Sonne auf.

___

„Du hast gesiegt, Galiläer!“

Psalm 2, 10 – 12.

„Du Galiläer, hast gesiegt!“
So tönt verzweiflungsvoll der Ruf
Des Kaisers, der am Boden liegt,
Umstäubt von wilder Rosse Huf;
Ihn traf das tödtliche Geschoß
Inmitten seiner Siegesbahn,
Warf blutend ihn vom hohen Roß,
Und Staub ist Kaiser Julian.

Ja stolzer Geist, er hat gesiegt,
Der Held vom See Tiberias,
Den du bis in den Tod bekriegt,
Dem du geschworen ewgen Haß;
Die Starken werden ihm zum Raub,
Der zu des Vaters Rechten sitzt,
Die Stolzen sinken in den Staub,
Von seiner Majestät umblitzt.

Schad ists um deinen tapfern Muth;
Du ziertest einen Kaiserthron,
Du warst ein ächtes Heldenblut,
Der herrlichen Cäsaren Sohn;
Ein kriechend Heuchelchristenthum
Empörte deinen Römerstolz,
Da suchtest du dir andern Ruhm
Und fluchtest Christi Marterholz.

Du winktest mit dem Herrscherstab
Ein zornig „Halt“ dem Zeitenlauf,
Du wecktest aus dem frischen Grab
Die kaum versunknen Götter auf;
Sein Haupt erhob der Donnergott,
Mars schlug an seinen Heeresschild,
Apollo blickte Siegerspott
Auf Christi bleiches Kreuzesbild.

Aus Hainen von Elysium
Riefst du die Weisen Griechenlands,
Mit Christi Evangelium
Zu buhlen um den Siegeskranz;
Da stritt Homeros Harfenklang
Mit Davids ernstem Saitenspiel,
Und Platos hohe Weisheit rang
Mit Pauli Thorheit um das Ziel.

Du ließest mit des Christen Gold
Die Göttertempel neu erstehn,
Du warest allen Ketzern hold,
Die Unkraut in den Waizen sä’n,
Selbst Abrahams verhaßtem Sohn
Winkst du mit gnädigem Verlaub:
„Auf Jude, bau zu Christi Hohn
Den Tempel neu aus Schutt und Staub!“

Umsonst! — was man am Tage schuf,
Erdbeben schlangs bei Nacht hinab;
Kein Menschenwitz, kein Herrscherruf
Erweckt die Todten aus dem Grab;
Umsonst! — der Zeiten rollend Rad,
Im Schwunge hälts kein Kaiser auf,
Und wer sich stellt in Christi Pfad,
Den überfährt sein Siegeslauf.

Umsonst! — dein Leben flog vorbei,
Gleich wie ein Meteor verfliegt;
Verzweifelnd klang dein Todesschrei;
„Der Galiläer hat gesiegt!“
Umsonst! — in der Geschichte Buch
Steht schwarzbekreuzt dein Name da,
Beladen mit der Kirche Fluch,
O Julian Apostata!

Drum hörts, ihr Großen auf dem Thron,
Ihr Weisen, nehmt die Weisung an:
Auf! eilt und küsset Gottes Sohn
Und kreuzt nicht seine Siegesbahn,
Eh über euch sein Zorn entbrennt,
Eh ihr zermalmt im Staube liegt,
Und sterbend euer Mund bekennt:
„Du Galiläer hast gesiegt!“

___

Ewige Jugend.

Jesaja 40, 31.

Die auf den HErrn harren, kriegen
neue Kraft, daß sie auffahren mit
Flügeln wie Adler, daß sie laufen
und nicht matt werden, daß sie
wandeln und nicht müde werden.

Wie weit hinab schon trugen dich die Wogen,
Du meines Lebens leichtgebauter Kahn!
Die Silberfurche, die dein Kiel gezogen,
Verschwindet spurlos hinter deiner Bahn,
Die schönsten Ufer sind vorbeigeflogen
Und näher gehts dem großen Ocean;
Schon hör ich oft mit ahnungsvollem Grausen
Beim Sternenschein die ferne Brandung brausen.

Wo bist du hin mit deinen Blumenauen,
Du Paradies, das einst mich Kind umfing?
Dem trüben Blick verschwammst du längst im Blauen,
Der lang an dir mit stillem Heimweh hing,
Nur noch im Traum darf ich die Pfade schauen,
Die leichten Tritts der frohe Knabe ging,
Und wach ich auf, so wogt ein schmerzlich Sehnen
Im Busen nach und steht mein Aug in Thränen.

Wo sind sie hin, die fröhlichen Genossen,
Mit denen ich der Jugend Lieder sang?
Wie flogen wir auf leichtgezäumten Rossen
Durchs grüne Thal den blauen Strom entlang!
Ob manchem ach! hat sich das Grab geschlossen,
Deß Arm sich einst um meinen Nacken schlang,
Von andern hat das Leben mich getrennet,
Daß keiner mehr des Freundes Sprache kennet.

Und du, mein Herz, fühlst selber du nicht stocken
den mattern Puls, das abgekühlte Blut?
Wehn dünner nicht schon um die Stirn die Locken?
Jauchzt seltner nicht ein froher Lebensmuth?
Erscheint dem Aug die Welt nicht trüb und trocken,
Die einst ihm schwamm in morgenrother Glut?
Will denn auch mich das Alter schon beschleichen
Und mich lebendig legen zu den Leichen?

Da sei Gott vor! mag auch der Leib verwesen,
Der Geist wird noch von Tag zu Tag verneut;
Der Gott, der meiner Jugend Hort gewesen,
Verkündet sich in meiner Brust noch heut;
Was frommts, die Rosenblätter aufzulesen,
Die schon der Wind am Boden hat verstreut?
Bleibt nur im Stock das Lebensmark erhalten,
So wird noch manche Knospe sich entfalten.

Das Lebensmark, das laß mir nicht erkalten,
Den freudgen Geist nimm nicht, o Herr, von mir;
Nicht zu den Klugen stell mich, zu den Alten,
Ein Kindlein sitz ich gern zu Füßen dir,
Und soll das Haar ergraun, die Stirn sich falten:
Ein kindlich Herz, das bleibe meine Zier;
Sprachst du doch selbst: o werdet gleich den Kleinen,
Sonst kann ich euch nicht zählen zu den Meinen.

Die Kindeslust laß mir an allem Schönen,
Als deines Kleides buntgewirktem Saum,
Den offnen Sinn, in Farben und in Tönen
Das Ewige zu ahnen als im Traum,
In der Geschichte sturmbewegten Scenen
Wie in der Schöpfung heitrem Tempelraum,
Im Frühlingswind wie im Gewitterrauschen
Das Wandeln deiner Füße zu belauschen.

Den Kindeszorn, der wider alles Schlechte
Sich unverfälscht im Innersten empört,
Das warme Herz, das freudig für das Rechte
Ob oft enttäuscht, stets neu zur Fahne schwört,
Den Jugendmuth, der standhaft ins Gefechte,
Ob oft besiegt, doch immer wiederkehrt,
Und dem was er erkannt in heilgen Stunden,
Trotz Welt und Zeit in Liebe bleibt verbunden.

Die Kindesthräne laß mir, die im Leiden
Wie in der Lust aus weichem Herzen quillt!
Den kühlen Mann, ich werd ihn nie beneiden,
Der schroff sich in der Weisheit Mantel hüllt;
Dieweil ich Mensch, will ich nichts menschlichs meiden
In Leid und Freud, bis mein Geschick erfüllt,
Und bis zerriß dies Saitenspiel der Nerven,
Soll Schmerz und Lust sich in die Saiten werfen.

Den Kindestrieb laß mir, zu sehn, zu lernen,
Zu wachsen fort in dem, was schön und gut,
Die Wanderlust, die stets in neuen Fernen
Die Blicke hebt und nie genügsam ruht,
Den frommen Schwung, der zu den höchsten Sternen
Die Flügel dehnt mit jugendlicher Glut;
Nie Meister will ich sein, mit Lernen fertig
Nein, Schüler stets, noch höhern Lichts gewärtig.

Und eins, mein Gott, das keine Zeit mir raube,
Nicht mit Gewalt  und nicht mit leisem Trug,
Das bleibe mir: der fromme Kinderglaube,
Der himmelan sich schwingt mit frohem Flug,
Der hundertmal sich frisch erhebt vom Staube,
Wenn hundertmal die Welt ihn niederschlug;
Der Glaube an ein heilig Walten droben,
Wie auch die Feinde spotten oder toben.

In solchem Glauben wurzle mir die Liebe,
Die kindlich warm, was Mensch sich nennt, umfaßt,
Die, ob die Welt mit unbarmherz’gem Hiebe
Ihr abgehau’n manch schönen Blütenast,
Nur stärkre Zweige treibt und bessre Triebe
Und lächelnd segnet, wo man sie gehaßt,
Und sterbend noch den Samen um sich streuet
Zu Saaten, deren sich die Nachwelt freuet.

Drauf bitt ich noch: laß mir ein kindlich Hoffen,
Das hellen Augs in dunkle Zukunft schaut,
Das über Wolken sieht den Himmel offen,
Dem hinter Bergen noch ein Eden blaut,
Das, wenn sein irdisch Haus der Blitz getroffen,
Im Himmel kühn sich bessre Hütten baut,
Und fröhlich spricht: ob ich gleich fall‘ und sterbe,
Dort oben glänzt mein ewig Teil und Erbe!

So bleib ich Kind, so sprech ich zu den Jahren:
Fahrt hin, mich streift nur eurer Flügel Schwung;
Ein Jüngling blüh ich noch in Silberhaaren,
Denn Gottes Gnade macht mich täglich jung,
Und einst mit Flügeln will ich aufwärts fahren
Am großen Tage der Verwandelung,
Da wird mein Gott mir Leib und Seel verjüngen,
Ein Kind des Lichts mich himmelan zu schwingen.

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Quelle: Karl Gerok, Palmblätter, Neunundfünfzigste Auflage, Stuttgart 1887.

***

Kurzlink: https://wp.me/p2UUpY-5OZ

Ein Gedanke zu „Karl Friedrich von Gerok (1815 – 1890), deutscher Theologe und Dichter: Fünf Gedichte aus den „Palmblättern“: 1. Laß mich nicht in Menschenhände fallen; 2. Golgatha; 3. Paulus auf dem Areopag; 4. Du hast gesiegt, Galiläer!; 5. Ewige Jugend

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