Friedrich Wilhelm Weber (1813 – 1894): „Dreizehnlinden“ (1878) – 2. Gesang „Das Kloster“

II. Das Kloster

Süßer Schlag der Heidelerche,
Sonnenschein auf allen Hügeln!
Tauwind sang, durch alle Schluchten
Flog er rasch auf weichen Flügeln.

Lustig hüpften alle Brunnen
Aus den Bergen durch die Bäume,
Um im Tale zu erzählen
Ihre langen Winterträume;

Schwere Träume, und der kleinen
Zarten Elben frost’ges Schaudern
Und der Riesen lautes Schnarchen
Und der Zwerge kluges Plaudern.

Denn der Schnee begann zu schmelzen,
Bräunlich stand des Berges Gipfel,
Und ein Frühlingsahnen rauschte
Durch die grünen Tannenwipfel.

Aus den Tannenwipfeln ragte
Eines Türmleins spitzer Kegel,
First und Giebel eines Klosters
Nach Sankt Benediktus‘ Regel.

Jüngst erst waren weise Männer
Angelangt aus fremden Reichen,
Segensworte auf den Lippen,
In der Hand des Friedens Zeichen;

In der Hand die fromme Waffe,
Die mit Mut beseelt den Schwachen,
Die durch Huld bezwingt die Völker
Und besiegt, um frei zu machen;

Ernste Männer, vielgeprüfte,
Die in harter Weltverachtung
Einsam sich der Arbeit weihten,
Dem Gebet und der Betrachtung;

Stille Siedler, die sich mühten,
Mit dem Spaten wilde Schluchten,
Wildre Herzen mit der Lehre
Lindem Samen zu befruchten.

Klugen Sinns und unverdrossen
Bauten sie mit Lot und Waage,
Winkelmaß und Säg‘ und Hammer,
Axt und Kelle Tag‘ auf Tage,

Bis es ihrem Fleiß gelungen,
Haus und Kirche fest zu gründen,
Bis der Brunnen rauscht im Hofe
Des Konvents von Dreizehnlinden.

In Gehorsam, Zucht und Armut
Schafften still die tapfern Streiter:
Reuteten des Urwalds Riesen,
Dorn und Farn und wüste Kräuter;

Zogen Wall und Zaun und Hecke,
Hirsch und Keiler abzuwehren,
Daß im Tale wohlumfriedet
Grünten menschenholde Ähren;

Zwängten ein den ungestümen
Strom durch Pfahlgeflecht und Dämme,
Pfropften milde Südlandsreiser
Auf des Nordens herbe Stämme.

Kräftig sproß im jungen Garten
Akelei und Ros‘ und Quendel,
Blasse Salbei, Dill und Eppich,
Eberraute und Lavendel.

Aber noch ein andrer Acker
Blieb den Vätern: reicher Boden,
Tiefer Grund, doch schwer zu bauen
Und voll heidnisch wilder Loden.

Traun, da gab es viel zu rupfen,
Viel zu zähmen und zu zanken,
Viel zu zerren und zu zupfen
An den ungezognen Ranken!

Auf den braunen Eichenbänken
Saß die Brut der Sachsenrecken,
Junge Bären; Riesenarbeit
War’s, sie bildend zu belecken.

Erstlich galt’s, der Römerrunen
Fremden Zauber zu ergründen:
O ein dornenvolles Rätsel,
Dessen Lösung kaum zu finden!

Dann gefällig nachzubilden
All die wunderlichen Zeichen:
Hohes Ziel, nur auserwählten
Fingerkünstlern zu erreichen!

Doch am schwersten war’s, des Kreuzes
Milde Botschaft zu erklären,
Denn gar manchen Flachskopf dünkten
Gotteswort und Heldenmären,

Weißer Christ und weißer Balder,(1)
Lichte Engel, lichte Elben,
Jüngerschaft und Heerbannstreue
Ganz dasselbe, ganz dieselben.

Nur begabtre Schüler wurden
Höhern Zwecken zugeleitet
Und die sieben freien Künste
Lehrhaft ihnen ausgedeutet.

Schwer und ungelenkig waren
Noch der deutschen Zunge Laute,
Gleich den ersten Schritten eines
Hünenkinds im Heidekraute.

Rasch indes wie ehrne Pfeile
Klingend flog das Wort der Römer
Von den Lippen kurz und schneidig
Wie das Schwert der Weltbezähmer.

Willig bot es knappe Schärfe
Logikern und Exegeten,
Kraft und Fülle den Rhetoren,
Reim und Rhythmen den Poeten.

Preis den braven schwarzen Mönchen,
Preis den wackern Kuttenträgern,
Alles menschlich schönen Wissens
Frommen Hütern, treuen Pflegern!

Was auf Hellas‘ blauen Bergen,
Was einst am Tyrrhenermeere
Dichter sangen, Denker dachten
Später Welt zu Lust und Lehre;

Was der Geist geweihten Sehern
Offenbart‘ in Sturm und Stille,
Wort und Werk des Gottessohnes,
Als er ging in Manneshülle:

Von der Mönche Hand geschrieben
Blatt auf Blatt mit Müh‘ und Sorgen,
In den Truhen der Abteien
Lag es liebevoll geborgen.

Zärtlich ward der Schatz betrachtet,
Mit bescheidnem Stolz gepriesen
Und als Klosterhort dem fremden
Schrifterfahrnen Mann gewiesen.

Solch ein kostbar Gut zu sichern
Treu dem künftigen Geschlechte,
Schrieben sie, die braven Mönche,
Sommertag‘ und Winternächte.

Rot und blau und grün und golden
Schimmerten die Anfangslettern,
Reich umrankt von Blumendolden
Und von traumhaft bunten Blättern.

Rührend bat der fromme Schreiber
An des langen Werkes Ende,
Daß man seiner armen Seele
Des Gebets Almosen spende.

Trutziglich, wie schwarze Krieger,
Lanzenknechte der Konvente,
Standen Glied an Glied die Runen
Auf dem weißen Pergamente.

Ja, sie sind’s, die schwarzen Krieger,
Die von einer weggestürmten
Schönheitswelt die letzten Inseln
Rettend vor den Wogen schirmten!

Weht dir aus des Mäoniden(2)
Sängen, wie aus Meeresrauschen,
Tiefes unerkanntes Sehnen,
Das dich zwingt zum Weiterlauschen;

Mahnt der Zorn des letzten Römers,(3)
Gott und Vaterland zu ehren,
Drängt er, vor dem Bild des Lasters
Dich der Tugend anzuschwören;

Strömt dir aus dem Buch der Bücher
Kraft und Trost im Kampfgewühle
Wie dem matten Wüstenwaller
Aus des Palmenquelles Kühle:

Sei gedenk der wetterfesten
Lanzenknechte der Konvente,
Sei gedenk der schwarzen Krieger
Auf dem weißen Pergamente! –

Auch zu rauherm Dienste stählten
Die Geschornen ihre Kräfte:
Schicklich wußten sie zu führen
Bogen, Beil und Lanzenschäfte,

Waren Feinde zu verjagen,
Die des Feldes Frucht verbrannten,
Oder Räuber, die der frommen
Spendebringer Weg verrannten;

Oder war ein Festtagsbraten
Zu erpirschen in den Forsten,
Sei’s ein stolzer Sechzehnender,
Sei’s ein Bursch mit Wehr und Borsten. –

Also übten sie beständig
Friedenswerk und Kampfespflichten,
Doch der Arbeit für der Seele
Heil vergaßen sie mitnichten.

Früh und spät zum Himmel schallte
Ihrer Hymnen und Gebete
Bange Klage, die für alle
Und für sie um Einlaß flehte. –

Süßer Schlag der Heidelerche,
Sonnenschein auf allen Hügeln!
Tauwind sang, durch alle Schluchten
Flog er rasch auf weichen Flügeln.

Friedensboten, Himmelsschlüssel
Sprossen auf der jungen Aue,
Und ein frohes Frühlingsahnen
Rauschte durch die Sachsengaue.

___

(1) B a l d e r , der Phol des Merseburger Heilspruches, der Sohn Wodans und der Frigga, war der mildeste der germanischen Götter, gütig, sanft, schön, wohlredend und von stetem Glanz umstrahlt: die lichte Hälfte des Jahres, im Gegensatz zu seinem blinden Bruder Höder, dem Symbol des abnehmenden Lichtes, der finsteren Jahreshälfte.

(2) D e r   M ä o n i d e , Homer.

(3) D e r   l e t z t e   R ö m e r , Tacitus.

***

Kurzlink: https://wp.me/p2UUpY-5Pn

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