Friedrich Wilhelm Weber (1813 – 1894), deutscher Arzt, Politiker und Dichter: „Dreizehnlinden“ (1878) – Einführung und 1. Gesang „Aus dem Nethegau“

Friedrich Wilhelm Weber (* 26. Dezember 1813 in Alhausen bei Driburg; † 5. April 1894 in Nieheim) war ein deutscher Schriftsteller und Arzt.

Leben

Webers Eltern waren einfache Förstersleute. Er wurde vorerst von seinem älteren Bruder Konstanz in Paderborn ausgebildet, um dann das Gymnasium Theodorianum zu besuchen, zu dessen besten Schülern er bald gehörte; er hatte ein glänzendes Abiturexamen.

Wegen Lungenbluten verbrachte er die Winterzeit zu Hause, ab dem Frühling zog er mit Wanderstab durch die deutsche Tiefebene. Dieser Reise verdankte Weber zum Teil seine Kenntnisse nordischen Lebens, denen man u. a. in „Dreizehnlinden“ begegnet. Für ein Semester zog er nach Breslau, wo Gustav Freytag ihn aufnahm. Die Jahre 1838–1840 waren für ihn trotz ständiger Krankheit die Jahre des Lernens und Schaffens mit glänzendem Staatsexamen.

In Driburg war eine Typhusepidemie ausgebrochen, die der junge Arzt energisch bekämpfte. 1850 gründete er seinen eigenen Hausstand mit Anna Gipperich aus Meschede. Die glückliche Ehe brachte zwei Kinder, die Tochter Elisabeth und den Sohn Friedrich Wilhelm, gen. Friedemann hervor.

1861 sandte ihn die Bevölkerung des Wahlkreises Marburg-Höxter in das Abgeordnetenhaus nach Berlin, dem er fast ununterbrochen 30 Jahre lang angehörte.

Bereits 1865 war seine Gesundheit so geschädigt, daß er seine Arzttätigkeit in Lippspringe aufgeben mußte. Für etwa 20 Jahre lebte er mit seiner Familie auf einem Landsitz, dem Wasserschloß Thienhausen, das ihm sein dankbarer Patient Freiherr von Haxthausen zur Verfügung stellte.

Wirken

Zu seinem Wirken heißt es:

„Friedrich Wilhelm Weber, geb. zu Alhausen (bei Driburg) am 26. Dezember 1813, studierte erst Philologie, dann Medizin, promovierte in Greifswald 1838, war praktischer Arzt in Bad Driburg 1842–56, dann Brunnenarzt in Lippspringe, ließ sich 1867 in Thienhausen bei Steinheim als Arzt nieder und lebte dann als Geheimer Sanitätsrat in Nieheim, wo er am 5. April 1894 starb. 1880 hatte ihn die Akademie in Münster zum philosophischen Ehrendoktor ernannt; er war auch wiederholt Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses (Centrum). Sein Hauptwerk ist das Epos ‚Dreizehnlinden‘ (1878), welches die Christianisierung der Sachsen behandelt. Eine Sammlung von ‚Gedichten‘ erschien zuerst 1881.“

Vollständiger Artikel auf → Metapedia.

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Das Epos „Dreizehnlinden“

Ort und Zeit

In der Heimat Webers, dem Nethegau, spielt die Handlung in der Regierungszeit Ludwigs des Frommen etwa vom Frühjahr 822 bis zum Sommer 823. Die Bezeichnung Habichtshof ist ein freundlicher Zug gegen den Freiherrn von Haxthausen, dem diese Besitzung gehört. Der Stoff selbst beruht auf freier Erfindung, auch wenn geschichtliche Persönlichkeiten genannt werden, wie Badurad, der Bischof von Paderborn, oder Warin, der Abt von Corvey. Nach Webers Worten steht nichts dagegen, sich unter Dreizehnlinden das Kloster Corvey vorzustellen. Der Schriftsteller Gustav Freytag, ein enger Freund Webers, gab jenem durch sein kulturgeschichtliches Werk Bilder aus der deutschen Vergangenheit wertvolle Hinweise. In der Nähe des Klosters Corvey existiert tatsächlich eine Stelle, die Dreizehnlinden genannt wird.

Handlung

Der Sachse Elmar, Besitzer des Habichtshofes, im heidnischen Glauben aufgewachsen und zum Hass gegen die invasorischen Franken erzogen, liebt die fränkische Christin Hildegunde. Aber noch immer schwelt der tiefgreifende Sachsenkrieg zwischen den fränkischen Eroberern und den Sachsen, die das Blutgericht von Verden nicht vergessen haben. Diese blutige Missionierung war wenig geeignet, den christlichen Geist überzeugend zu verbreiten. Der Widerspruch zwischen dem kriegerischen Handeln der Franken und ihrer christlichen Friedensbotschaft wird von der Seherin Swanahild aufgezeigt. Der fränkisch-sächsische, christlich-heidnische Konflikt entlädt sich mit voller Wucht, als Elmar von Gero, dem fränkischen Königsboten, falsch der Brandstiftung beschuldigt wird. Der Graf des Nethegaus erklärt Elmar für vogelfrei. Diese Gelegenheit ergreift Gero, der Hildegunde für sich gewinnen will, und trifft Elmar mit einem vergifteten Pfeil. Um sein Leben ringend, findet dieser nun im Kloster Dreizehnlinden gütige Aufnahme. Jenseits von Hass und Gewalt gesundet er unter der Obhut des greisen Abtes und des Priors. Elmar entsagt (…) dem kriegerischen Glauben und lässt sich taufen. Damit gewinnt er die Fränkin Hildegunde zur Frau.

Vollständiger Artikel „Dreizehnlinden“ auf → Wikipedia

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I. Aus dem Nethegau

Wonnig ist’s, in Frühlingstagen
Nach dem Wanderstab zu greifen
Und, den Blumenstrauß am Hute,
Gottes Garten zu durchschweifen.

Oben ziehn die weißen Wolken,
Unten gehn die blauen Bäche,
Schön in neuen Kleidern prangen
Waldeshöh‘ und Wiesenfläche.

Auf die Bleiche bringt das Mädchen,
Was der Winterfleiß gesponnen,
Und dem Hain erzählt die Amsel,
Was im Schnee sie still ersonnen.

Sind es auch die alten Töne,
Die bekannten, längst vertrauten,
Doch die Bleicherinnen lauschen
Gern den süßen, lieben Lauten.

Gern den süßen, lieben Lauten,
Die in Berg und Tal erklingen;
Hirtenbub‘ und Köhlerknabe
Horchen auf, um mitzusingen;

Mitzusingen frisch und freudig
Nach des Winters langen Schmerzen;
All die halbvergeßnen Lieder
Werden wach im Menschenherzen.

Halbvergeßne alte Lieder
Werden wach in meiner Seele:
Hätt‘ ich nur, sie auszusingen,
Wilde Amsel, deine Kehle! –

Was die Linde mir erzählte,
Was der Eichenwipfel rauschte,
Wenn ich abends ihrer Blätter
Heimlichen Gesprächen lauschte;

Was die muntern Bäche schwatzten
Hastig im Bergunterrennen,
Wilde Knaben, die nicht schweigen
Und nicht ruhig sitzen können;

Was die Zwerge mir vertrauten,
Die in fernen Waldrevieren
Still in Spalten und in Klüften
Ihren kleinen Haushalt führen;

Was auf mondbeglänztem Anger
Ich die Elben lispeln hörte;
Was mich des ergrauten Steines
Moosumgrünte Inschrift lehrte:

Dies und was ich las in staub’gen
Lederbänden und in alten
Halberloschnen Pergamenten,
Will zum Liede sich gestalten.

Nebelbilder steigen dämmernd
Aus der Vorzeit dunkeln Tagen;
Wispern hör‘ ich ihre Stimmen,
Freudenlaute, Zürnen, Klagen;

Männer, die vor tausend Sommern
Durch den Nethegau geschritten,
Heidenleute, Christenleute,
Was sie lebten, was sie litten;

Eines Sachsenjünglings Kämpfe
Mit dem Landesfeind, dem Franken,
Und in eigner Brust die schwersten
Mit den eigenen Gedanken;

Einer Jungfrau stilles Weinen,
Einer Greisin finstres Grollen,
Runensang und Racherufe,
Die aus Weibermund erschollen;

Frommer Mönche leises Walten
Im Konvent zu Dreizehnlinden,
Sanft bemüht, durch Lieb‘ und Lehre
Trotz und Wahn zu überwinden;

Ihre Hymnen, gottesfrohe,
Die bei Tag und Nacht erklangen,
Die den Sieg des Christenkreuzes
Jubelnd in die Berge sangen;

Und darein des Waldes Rauschen
Und dazu der Brandung Stöhnen:
Alles will zu einem Liede
Dumpf und hell zusammentönen.

Sei’s, und sei es euch gesungen,
Die ihr wohnt an Ems und Lippe,
Ruhr und Diemel, Neth‘ und Emmer:
Alle seid ihr edler Sippe;

Alle sprecht ihr eine Sprache,
Frommer Mutter biedre Söhne,
Ob sie rauh im Waldgebirge,
Weich in Sand und Heid‘ ertöne.

Kinder ihr der Sachsengaue,
Nehmt das Beste, was ich habe:
Gern gereicht, ist unverächtlich
Auch des kleinern Mannes Gabe.

Denkt, ich böt‘ euch Heideblumen,
Eine Handvoll, die ich pflückte,
Als mit herbstlich gelbem Laube
Sich bereits der Osning schmückte.

Rügt es nicht, wenn ich den Helden
In der Heimat Farben male;
Dünkt er manchmal euch ein Träumer,
Nun, er war ja ein Westfale:

Zäh, doch bildsam, herb, doch ehrlich,
Ganz wie ihr und euresgleichen,
Ganz vom Eisen eurer Berge,
Ganz vom Holze eurer Eichen.

Heut noch ist bei euch wie nirgend
Väterbrauch und Art zu finden;
Darum sei es euch gesungen,
Dieses Lied von Dreizehnlinden.

Doch ein Uhu murrt dawider:
»Rauh sind deines Sanges Töne,
Und der Netheborn, der dunkle,
Deucht mir keine Hippokrene.

Laß das Leiern, laß das Klimpern!
O es schafft dir wenig Holdes;
Beßres Klingen, bestes Klingen
Scheint das Klingen mir des Goldes.

Und die eigne Haut zu pflegen,
Ist vor allem mir das erste;
Bau im Garten deine Rüben,
Bau im Felde deine Gerste!

Laß die schimmligen Scharteken
Unterm Kessel rasch verrauchen:
Kohlen sind’s, die wir bedürfen,
Dämpfe sind’s, die wir gebrauchen!

All den Wust papierner Träume,
Grubenschätze, die vermodern,
Daß sie endlich nützlich werden,
Unterm Kessel, laß sie lodern!

Nur das Einmaleins soll gelten,
Hebel, Walze, Rad und Hammer;
Alles andre, öder Plunder,
Flackre in der Feuerkammer.

Mag es flackern, mag es flammen,
Daß die Wasser sprühn und zischen
Und der Welt zerrißne Stämme
Hastig durcheinandermischen;

Denn das große Ziel der großen
Zukunft ist die Einerleiheit,
Schrankenloseste Bewegung
Ist die wahre Völkerfreiheit.

Laß das Klimpern, laß das Leiern,
Wer erfreut sich solchen Schalles?
Beßres Klingen, bestes Klingen
Ist das Klingen des Metalles.« –

Gelber Neidhart, alter Uhu,
Wohl versteh‘ ich deine Meinung:
Bist du doch der seelenfrohen
Gotterlösten Welt Verneinung!

O du möchtest sie im Mörser
Erst zerstäuben und zerreiben,
Um in Tiegel und Retorte
Dann den Geist ihr auszutreiben!

O du würfst sie in die Arme
Gern dem Moloch unsrer Tage,
Daß sie ganz in Rauch zergehe
Nach Sibyllenwort und Sage!

Alter Uhu, gelber Neidhart,
Mag’s dich ärgern und verdrießen:
Dennoch grünt ein reicher Garten,
Wo der Menschheit Rosen sprießen;

Dennoch blüht die weiße Lilie,
Und im Grottenheiligtume,
In des Waldes fernstem Tale
Träumt die stille blaue Blume.

Dennoch klingt es aus den Lüften,
Aus des Haines Dämmerungen,
Und die Amsel hat ihr letztes
Lied noch lange nicht gesungen;

Und die Nachtigall im Busen,
Sie wird jubeln, sie wird klagen
Jeden Lenz, solang auf Erden
Rosen glühn und Herzen schlagen.

***

Erläuterungen des Dichters

Dem vielseitig geäußerten Wunsche, daß in einer neuen Auflage dieses Buches die sachlichen Anmerkungen vermehrt und einige ungewöhnliche Wörter ausgedeutet werden möchten, habe ich nachkommen zu müssen geglaubt und meine genug, wenn nicht zuviel getan zu haben. Der weit entrückte geschichtliche Hintergrund des Stoffes, sein Hinübergreifen in alte Rechtsverhältnisse, in Sagen- und Märchenwelt und germanischen Götterkultus führen auf Gebiete, die unserer sonst anerkennenswerten Durchschnittsbildung zu fern liegen, als daß einige erklärende Winke zum Verständnis entbehrlich waren. Sie mögen auch das Gute haben, den einen und andern auf die tiefsinnige Symbolik unserer Mythologie aufmerksam zu machen, die noch viel zu wenig gekannt ist, während wir die Götter und Göttinnen des Olymps, die großen samt den kleinen, an den Fingern herzählen. – Des Altertümelns in der Sprache, so verlockend sich auch die Gelegenheit vielfach darbot, habe ich mich mit Fleiß enthalten. Die Grenze zwischen Statthaftem und Unstatthaftem ist schwer zu ziehen; ich denke sie nicht überschritten zu haben, wenn ich manchem guten deutschen Worte, das aus unserem durch widerwärtigen fremdländischen Wulst täglich mehr gefälschten und überladenen Sprachschatze zu verschwinden droht, sein Recht zu wahren suchte.

Über den Namen Dreizehnlinden sei bemerkt, daß er auf geschichtliche Unterlage keinen Anspruch macht. Will sich jemand die altehrwürdige Benediktinerabtei Corvey an der Weser darunter vorstellen, so hat er den Vorteil, zu finden, daß Gründungszeit, Lage und Umgegend derselben mit den von mir gegebenen Schilderungen nicht in Widerspruch stehen. Diese selbst sind freie, in den Rahmen der Geschichte eingefügte Dichtung. Sie fallen in die Regierungszeit Ludwigs des Frommen, etwa in die Jahre 822 und 823. Der Schauplatz ist der Nethegau, der den nördlichen Teil des jetzigen Kreises Warburg und den Kreis Höxter, mit Ausnahme der zum Wetigau gehörigen Ämter Nieheim und Steinheim, mithin etwa das Flußgebiet der Nethe, umfaßte. Die Stadt Höxter selbst gehörte zum Pagus Auga. Vgl. »Der Nethegau« von W. E. Giefers, Münster 1842, woselbst die Gaugrenzen sorgfältiger bestimmt sind als in Falkes Codex traditionum Corbejensium.

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Kurzlink: https://wp.me/p2UUpY-5Ox

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