Carl Theodor Körner (1791 – 1813), deutscher Dichter und Freiheitskämpfer – Fünf geistliche Sonette

1. Christus und die Samariterin.

Am Brunnen Jakobs in Samariens Auen
Fühlt einst der Herr nach Kühlung ein Begehren.
„Weib, laß mich deinen Krug voll‘ Wasser leeren!“
So rief er sanft zu einer nahen Frauen.

Die spricht: „Wie magst du, Fremdling, mir vertrauen?
Im Tempel nur kann man den Herrn verehren,
So lehret ihr, wollt nicht mit uns verkehren,
Weil wir auf Berges Höhn Altäre bauen.“

Da sprach der Herr zu ihr mit ernsten Worten:
„Ein neuer Glaube wird ins Leben treten;
Es löst die Nacht der Völker sich in Klarheit.

Des Herren Tempel stehet allerorten.
Gott ist ein Geist, und wer zu ihm will beten,
Der bet‘ ihn an im Geist und in der Wahrheit!“

2. Die Ehebrecherin.

Zum Herrn und Meister, der im Tempel lehrte,
Bringt einst das Volk ein sündig Weib herein.
„Was soll“, so fragt es, „ihre Strafe sein,
Da Moses will, daß sie gesteinigt werde?“

Der Herr blickt auf mit ruhiger Gebärde.
„Wer lautern Herzens ist und wahr und rein,
Werf‘ auf die Sünderin den ersten Stein!“
Er sprach’s und schrieb stillschweigend auf die Erde.

Da standen jene plötzlich wie vernichtet
Und schlichen aus dem Tempel allzusammen;
Es wurden bald die heil’gen Hallen leer.

Und Jesus sprach: „Hat keiner dich gerichtet,
So will auch ich dich nicht verdammen.
Geh hin und sündige fortan nicht mehr!“

3. Das Abendmahl.

Es war, das heil’ge Osterfest zu ehren,
Der Tisch des Herrn besetzt mit Trank und Speise;
Die Jünger saßen rings und sprachen leise,
Den hohen Ernst des Meisters nicht zu stören.

Da sprach der Herr: „Wohl war es mein Begehren,
Dies Fest zu feiern nach der Väter Weise;
Noch einmal sehnt‘ ich mich, in eurem Kreise
Das heil’ge Mahl des Bundes zu verzehren.

Denn kurze Frist nur hab‘ ich noch zu leben.
Doch seid ihr meiner Seligkeit Genossen.
Nehmt, Freunde, diesen Kelch und nehmt dies Brot!

Das ist mein Leib, den ich für euch gegeben;
Das ist mein Blut, das ich für euch vergossen;
Für euer Leben geh‘ ich in den Tod.“

4. Christi Erscheinung in Emmaus.

Zwei Tage sind’s, daß Christus ausgelitten,
Und traurig gehen auf betretnen Wegen
Der Jünger zwei in düsteren Gesprächen;
Da kommt der Herr zu ihnen hergeschritten

Und unerkannt geht er in ihrer Mitten,
Lehrt sie die heil’gen Bücher auszulegen.
So wandern sie dem nahen Ort entgegen
Und treten endlich ein in seine Hütten.

Der Meister setzte sich zu ihnen nieder
Und nahm das Brot und dankete und brach’s.
Da ward es hell vor seiner Jünger Blicke

Und sie erkannten den Messias wieder;
Doch er verschwand. Schnell kehrten sie zurücke
Und priesen laut die Wunder dieses Tags.

5. Christi Himmelfahrt

Als Christus von den Toten auferstanden,
Erscheint er seinen trauernden Gefährten,
Die froh und schnell den Meister, den Verklärten,
Den eingebornen Gottessohn erkannten.

„Euch,“ spricht der Herr, „erwählt‘ ich zu Gesandten;
Mein ist die Macht im Himmel und auf Erden;
Wer an mich glaubet, der soll selig werden.
Geht hin und lehrt und tauft in allen Landen!“

Jetzt segnet er noch einmal seine Treuen,
Zum großen Bund der Liebe sie zu weihen;
Dann trägt ihn eine Wolke himmelwärts.

Und betend sinken alle hin im Staube.
Mit stiller Kraft vollendet sich der Glaube;
Der heil’ge Geist glüht siegend durch das Herz.

***

Quelle:
Dr. Albert Zipper (Hg.), Theodor Körners sämtliche Werke in einem Bande, Leipzig 1921, S. 30-32.

Kurzlink:
https://wp.me/p2UUpY-5Nx

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