Adolf Hitler von einem fremden Dichter gesehen – Teil 1: Schattenstriche. Von Grigol Robakidse

„Wenn ich mich über mich neige,
finde ich ein reines Herz,
und sind auch tausend oder
zehntausend Männer wider mich –
ich gehe ohne Furcht.“
B h a g a v a d – G i t a

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S c h a t t e n s t r i c h e

Adolf Hitler und Joachim von Ribbentrop
Adolf Hitler und Joachim von Ribbentrop (1935)

Ich sehe ihn auf den zahlreichen Bildern, er sieht aber fast auf jedem Bilde anders aus. Man könnte meinen, sein innere Blick entfliehe dem Objektiv: ein untrügliches Kennmal des „Ferngesichts“. Auffallend scheint mir ein Bild, auf dem er mit Hindenburg zu sehen ist: der große Feldherr, schon über achtzig, steht noch immer wie ein Felsblock, doch ohne Geheimnis, er ist einfach da; während Hitler, die Hände bescheiden gekreuzt und in sich verharrend, in einer kaum spürbaren Aura-Hülle unendlich in die Ferne wächst. Es könnte auch sein, daß sein Gesicht so intensiv fortwährend innerste Menschenkräfte ausstrahlt, daß die unerbittliche, indiskrete Kamera ohnmächtig ist, es in einer isolierten Sekunde zur Wiedergabe festzuhalten.

Daa Verborgene läßt sich nicht zeigen; es lohnt sich jedoch, es zu erahnen. Sehr bezeichnend das Bild, wo er Herrn von Ribbentrop, damals Botschafter in London, nach dem Flottenabkommen mit England dankt: ernst und besorgt. Herr von Ribbentrop strahlt vor Freude, der Strahl geht jedoch aus von der inneren Helle des Führers. Ja, sein Gesicht offenbart sich heimlich greifbar im Anderen, mit dem er sich augenblicklich unterhält. Er erscheint oft unter den Mädchen und Jungen; alle diese begeisterten Gesichter sind von seiner Leuchtkraft durchbildet.

Ich sehe ihn ab und zu in der Wochenschau. Hier offenbart sein Gesicht sich unmittelbarer und sprechender. Der Film von der Hochzeitsfeier des Generalfeldmarschalls Göring zeigt ihn beinah symbolhaft. Er steht hier allen nah, besonders dem gefeierten Ehepaar – und doch: er scheint zugleich anderswo zu sein, er ist unnahbar. Man hat das Gefühl, als sei bei dem Feste ein Fremdling erschienen, der jedoch sofort allen vertraut ward. Die Mitkämpfer und Freunde, die ihm nahestehen, müssen in seiner Nähe diese „Ferne“ am schärfsten spüren.

Ich habe ihn einmal – man gestatte es mir, hier diese subjektive Empfindung auszusprechen – auf einer schöpferisch geistigen Ebene erlebt, wo das Imaginäre fast an das Reale grenzt. Und ich wage zu meinen: keinem Maler würde es gelingen, sein inneres Bild erschöpfend als Porträt heraufzubeschwören; vielleicht würde es einem Holzschnitzer, da würden aber seine dichtblauen und doch klaren Augen fehlen, die seine Wesensart in sich verbergen. Vor dem strengen Blick dieser Augen muß alles Unechte und Lügenhafte verwirrt schwinden.

Auch seine Bewegungen fallen durch seine Einzigartigkeit auf. Er kommt manchmal eine Treppe herunter, am Ende macht er brüsk halt, hebt das Haupt, blickt in die Ferne über die Dinge hinweg, als sähe er plötzlich etwas, witternd; dann senkt er den Kopf, ein wenig streng, geht entschlossen weiter mit langen, krafterfüllten Schritten. Er schwenkt die Hände, die – auch lang und energisch – seinen sicheren Gang beflügeln. Hier scheint jede Bewegung von ihm plastisch vollendet.

Quelle: Grigol Robakidse, Adolf Hitler – von einem fremden Dichter gesehen, Eugen Diederichs Verlag Jena 1939

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Wer war Grigol Robakidse?

Fremdheit als Identität
Vergessene Dichter: Eine Erinnerung an den georgischen Schriftsteller Grigol Robakidse
Jens Grunwald

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Grigol Robakidse (1880 – 1962)

Wer jemals nach Georgien gereist ist, etwa in die Regionen Kachetien oder Swanetien, der kann die Unmittelbarkeit der Gastfreundschaft des Volkes aus eigener Anschauung ermessen. Der Gast ist, so sagt man dort, ein Geschenk Gottes. Dieser Wärmestrom zwischen den Menschen drohte in Georgien ausgetrocknet zu werden, das Land war seiner staatlichen und kulturellen Eigenständigkeit durch die eiserne Klaue des Sowjetregimes seit 1921 beraubt. Dabei war die Tradition immer der Pfahl im Fleische der Besatzer – alles Lebendige verinnerlichte sich und überwinterte in der Seele des Volkes und in den Dichtern.

Deren größter war Grigol Robakidse, der am 28. Oktober 1880 in Imeretien, der Mitte Georgiens, geboren wurde. Nach dem Abitur in Kutaissi, der Hauptstadt der Region, ging er als Student nach Leipzig und Dorpat. Aus Deutschland brachte er den Symbolismus mit zurück in die Heimat und bewegte sich in literarischen Zirkeln der Hauptstadt, in der die Avantgarde jener Tage weniger nach Moskau als nach Berlin orientiert war.

Georgien hatte ein enges Verhältnis zu Deutschland, wurde die junge Republik doch bis Ende 1918 vom Kaiserreich militärisch vor Einkesselung durch Bolschewiken und Osmanen geschützt. Der in der Unabhängigkeitsbewegung wirkende Robakidse wurde stark durch seinen Aufenthalt in Deutschland geprägt. Sein fast sakrales Verhältnis zur deutschen Sprache war einzigartig, und das Schöpfen aus dieser ihm so nahen Quelle macht Robakidse zum Mittler zwischen Urgrund und Ewigkeit. In seiner Einsicht in die Urpolaritäten begegnet er dem symbolischen Denken von Ludwig Klages, den er als seltene Stimme der Reue über die Ichvergötzung verstand.

In den zwanziger und frühen dreißiger Jahren erschienen mehrere Bücher des Georgiers, die er in deutscher Sprache geschrieben hatte, bei Eugen Diederichs in Jena. Er stand in persönlichem Austausch mit dem Verleger und ging 1931 endgültig ins Exil nach Berlin. Das Schicksal Georgiens ist der Kaukasus, unter allen seinen Völkern ist es das einsamste. Die Kaukasier haben ihr verzweifeltes Ringen zum Schutzschild erhoben.

Die Kosmologie Robakidses fand dichterisch ihren Niederschlag vor allem in dem innigen Roman „Das Schlangenhemd“, einem georgischen archaischen Volksbuch, das 1928 mit einem Vorwort von Stefan Zweig herauskam. Der Roman „Die gemordete Seele“ (1933) ist eine tiefe Einsicht in das Wesen des Nihilismus, in dem der Mensch als Golem nach „Entzauberung der Welt, Ermordung der Erde als Mutterleib des Göttlichen“ trachte. Robakidse sah wie nur wenige die Entfesselung der substantiellen Vernichtungsmächte und zog den Schluss, dass wenn man die sakralen Beziehungen zwischen den Dingen zerstöre, man das Leben selbst zerstöre.

Robakidse war mit dem Soziologen und Volkswirt Werner Sombart befreundet, dessen Sohn Nicolaus in seinen Erinnerungen schrieb, dass der georgische Dichter und Carl Schmitt die einzigen gewesen seien, die Hitler ernst genommen hätten, und zwar als mythische Größe. Im Mai 1934 sprach Gottfried Benn zum letzten Mal im deutschen Rundfunk. Es war ein Gespräch mit Grigol Robakidse zum Thema „Mythos, einst und jetzt“, während dessen Verlauf sich Benn gegen die von ihm als aktivistisch verstandene Hoffnung seines Gegenübers wandte, dass die Verlassenheit des Individuums durch ein Wiedererleben des Mythischen womöglich überwunden werden könnte. Benn, in jenen Wochen vor dem Röhm-Putsch schon desillusioniert, begegnete dem Nihilismus und dessen planetarischen Dimensionen ohne Aussicht auf Wandlung.

Was in dieser Auseinandersetzung und in der „Gemordeten Seele“ bei Robakidse schon anklang, formte 1935 seinen Essayband „Dämon und Mythos“. Diese Zeitbetrachtung schaut polare Spannungen zwischen Ost und West, Vernichtung und Erneuerung: „Die lebenzeugende Macht des Mythos bestätigt sich immer nur dort, wo in einem Phänomen noch das Urphänomen formend am Werke ist.“

Als Unberührbarer gilt er gemeinhin durch zwei ebenfalls bei Diederichs erschienene Bändchen zu Hitler und Mussolini, deren Titelblätter dem Oberflächlichen zur Verdammung genügen, dem Leser jedoch bemerkenswerte Einsichten in die Gestaltenkämpfe des vergangenen Jahrhunderts gewähren, die in dieser Form unvergleichlich sind. Allerdings gereichten diese Bücher zum Exilieren des Exilanten; Robakidse verließ Deutschland und starb einsam und zwischen allen ihn mittlerweile überholt habenden Fronten in Genf am 19. November 1962.

Die private Robakidse-Universität in Tiflis trägt den Namen in das Andenken der jungen Generation. In Deutschland nach dem Kriege nur noch mit seinen „Kaukasischen Novellen“ im Buchhandel vertreten, ist der Dichter heute völlig unbekannt. In dem Lande, das diesem Fremden Heimat wurde, halten viele Georgien, die Wiege der Kultur, für etwas Exsowjetisches, Asiatisches, somit scheint der Ahriman die Ernte einzuholen.

© JUNGE FREIHEIT Verlag GmbH & Co. http://www.jungefreiheit.de 15/13 / 05. April 2013

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