Philosophische Fragen (4): Brauchen der Einzelne, die Gemeinschaft, das Volk, eine Weltanschauung?

G.: Ich möchte den Gedankenaustausch wieder in Fahrt bringen und stelle die Frage:
Brauchen wir: der Einzelne, die Gemeinschaft, das Volk, eine Weltanschauung? Wenn ja: warum, wozu? Und ist eine umfassende Weltanschauung überhaupt möglich?


J. S.: Gute Frage. Ich habe eine Antwort an das Ende eines Vortrags über Medien gesetzt:


J. S.: Weltanschauungsübergreifend, neutral
Beim Wort Weltanschauung zuckt jeder sensible Mensch erst einmal zusammen. Das klingt zwar harmlos, aber was für Abgründe tun sich hinter dem Hegen und Pflegen von Ansichten über die Welt auf. Wer Weltanschauung sagt, meint Ideologie. Wer Ideologie meint, ist gewaltbereit. Ist es nicht das Beste, weltanschauungsübergreifend, neutral zu sein?
Natürlich. Vor allem, da Ansichten arbiträr und zufällig sind. Der eine hat diese, der andere solche. Sie fallen wie im Herbst Laub von den Bäumen aufs Haupt.
Andererseits (So fing Schopenhauer einmal eine Vorlesung an.):
Das Wort Weltanschauung ist so deutsch, dass das deutsche Wesen ohne sie nicht denkbar ist. Aber swiatopoglad, mirovossrenie klingen doch auch geschmeidig. Weltanschauung muss also vor allem universell übersetzbar sein. Das trieb Dostojewskij an: das russische Wesen ist nach ihm ein universales Wesen. Das haben wir gemeinsam. Weltanschauung heißt demnach Anschauung der Realität, der Wahrheit, der ewigen Ideen. Es gibt also nicht verschiedene, sondern nur die eine Weltanschauung, zu der man selbst kommen muss in kleinen Schritten. Welt anzuschauen heißt, bei nichts wegzuschauen. „Nichts Menschliches ist mir fremd“, soll Marx gesagt haben. Nichts Wahres ist mir fremd, sagt der Weltanschauer. Glücklich ist die Gemeinschaft, die gemeinsame Freude daran hat und andere dazu inspiriert.
Falls also der Eindruck entstanden sein sollte, ich würde irgendwelchen Weltanschauungen anhängen: zu viel der Ehre, ich bin noch auf dem Weg dahin.

G.:

„Wer Weltanschauung sagt, meint Ideologie. Wer Ideologie meint, ist gewaltbereit.“

Weltanschauung ist nicht dasselbe wie Ideologie. Nicht zufällig sind es unterschiedliche Wörter. Ist Gewalt denn an sich und immer schlecht? Gibt es z.B. keinen Unterschied zwischen der Gewalt des Angriffs und der Verteidigung? Der Gewalt eines gerechten und eines ungerechten Angriffs? Ich meine, doch!
Wenn ja, dann erscheint mir Gewaltbereitschaft als etwas Positives. Um gewaltbereit sein zu können, muss man auch gewaltfähig sein.

„Ist es nicht das Beste, weltanschauungsübergreifend, neutral zu sein? Natürlich. Vor allem, da Ansichten arbiträr und zufällig sind. Der eine hat diese, der andere solche. Sie fallen wie im Herbst Laub von den Bäumen aufs Haupt.“

Das Gegenteil ist wahr. Wer keine Weltanschauung hat, lässt sich hin- und herwehen wie Laub im Wind.
Wenn es viele unterschiedliche Ansichten gibt, bedeutet das nicht, dass sie willkürlich oder zufällig sind.
Es gibt Sachverhalte, denen gegenüber man neutral sein kann, aber ganz sicher auch solche, wo Neutralität nicht möglich ist.

J.S.: Schöne Erwiderung. Schwäche meines Schreibstils: ich vermische gerne Stimmen, ohne sie kenntlich zu machen, wie in einem inneren Dialog.

J. S.: Verbesserte Version: Weltanschauungsübergreifend, neutral
Beim Wort Weltanschauung zuckt jeder „geframte“ Mensch erst einmal zusammen. Das klingt zwar harmlos, aber was für Abgründe tun sich hinter dem Hegen und Pflegen von Ansichten über die Welt auf. Er sieht eine Kette: Wer Weltanschauung sagt, meint Ideologie. Wer Ideologie meint, ist gewaltbereit. Wer gewaltbereit ist, will Krieg. Wer Krieg will, will die ganze Welt überfallen. Schon wieder??
Ist es nicht das Beste, weltanschauungsübergreifend, neutral zu sein?
Dafür spricht, dass Ansichten arbiträr und zufällig sind. Der eine hat diese, der andere solche. Sie fallen wie Laub von den Bäumen aufs Haupt.
Dagegen spricht, dass Ansichten aus Beobachtungen wachsen, die aus Leben entstehen, zum Leben passen, das man an einem Ort führt und schon lange geführt hat. Ein Mensch ohne Weltanschauung ist wie Laub leicht vom Wind und politischen Konjunkturen zu verschaukeln.
Und es gibt Dinge, bei denen Neutralität nicht möglich ist.
Das Wort Weltanschauung ist so deutsch, dass das deutsche Wesen ohne sie nicht denkbar ist. Aber swiatopoglad, mirovossrenie klingen doch auch geschmeidig. Weltanschauung muss also vor allem universell übersetzbar sein. Das trieb Dostojewski an: das russische Wesen ist nach ihm ein universales Wesen. Das haben wir gemeinsam mit den Russen.
Weltanschauung heißt demnach Anschauung der Realität, der Wahrheit, der ewigen Ideen. Es gibt also nicht verschiedene, sondern nur die eine Weltanschauung, zu der man selbst kommen muss in kleinen Schritten. Welt anzuschauen heißt, bei nichts wegzuschauen. „Nichts Menschliches ist mir fremd“, soll Marx gesagt haben. Nichts Wahres ist mir fremd, sagt der Weltanschauer. Glücklich ist die Gemeinschaft, die gemeinsame Freude daran hat und andere dazu inspiriert.
Falls also der Eindruck entstanden sein sollte, ich würde irgendwelchen Weltanschauungen anhängen: zu viel der Ehre, ich bin noch auf dem Weg dahin.

G.: Ich habe jetzt verstanden, wie es am Anfang gemeint war.
Die Vielfalt der Meinungen bis zu völliger Gegensätzlichkeit bringt auf den Gedanken, dass Meinungen letzten Endes gleich-gültig sind. Stichwort Relativismus. Auf bestimmten Gebieten, besonders denen, die von Interessen bestimmt sind, gibt es kaum eine Meinung, der nicht eine Gegenmeinung entgegengesetzt ist.
Jeder hat seine Meinungen, aber Bedeutung erlangen sie erst, wenn sie Erkenntnis enthalten. Zur Erkenntnis gehört die Meinung (Überzeugung) über etwas, also z.B. in Form einer Aussage. Dazu gehört auch, dass man weiß, dass diese Aussage wahr ist, und schließlich, dass man seine Meinung begründen kann.
Eine Weltanschauung umfasst natürlich viel mehr als eine Ansammlung von Meinungen. Nehmen wir einmal vorläufig die Definition, die man bei Wikipedia findet:
„Unter einer Weltanschauung versteht man heute vornehmlich die auf Wissen, Überlieferung, Erfahrung und Empfinden basierende Gesamtheit persönlicher Wertungen, Vorstellungen und Sichtweisen, die die Deutung der Welt, die Rolle des Einzelnen in ihr, die Sicht auf die Gesellschaft und teilweise auch den Sinn des Lebens betreffen.“
Das ist schon mal nicht schlecht, nur kommt der gemeinschaftliche Aspekt hier zu kurz: dass man einen Grundstock seiner Weltanschauung mit einer Gruppe oder einer größeren menschlichen Gemeinschaft gemeinsam hat.
Schon das Wort Welt-Anschauung legt nahe, dass in ihr ein subjektive und objektive Elemente enthalten sind. Dass ich die gleiche Weltanschauung haben könnte wie der von Dir erwähnte Dostojewski, ist äußerst unwahrscheinlich, weil dieser in einer anderen Zeit und anderen Umwelt lebte (die Welt war eine andere), und weil er eine andere Persönlichkeit war, die einem anderen Volk angehörte mit anderer Herkunft, anderer Geschichte, usw. Vielleicht kann man die eine oder andere Idee mit ihm gemeinsam haben. Thema: Gemeinsamkeit von Weltanschauung.
Insofern ist der Gedanke einer gemeinsamen Weltanschauung auf Menschheitsebene sehr weit vorausgeeilt, wenn nicht überhaupt unmöglich. Auch das wäre zu überlegen.

J. S.: Ja, da hat sich Wikipedia mal schön ausgedrückt. Bis auf den Gemeinschaftsaspekt. Demnach ist W. nicht nur der Blick des Einzelnen auf die Gesellschaft, sondern der der Gesellschaft auf den Einzelnen, deren Wertungen, die von ihm als seine empfunden werden. Also wie bei Rilke mit dem Weltinnenraum. (Irgendwas mit Frühling im Titel)

J. S.: Es winkt zu Fühlung fast aus allen Dingen,
aus jeder Wendung weht es her: Gedenk!
Ein Tag, an dem wir fremd vorübergingen,
entschließt im künftigen sich zum Geschenk.
Wer rechnet unseren Ertrag? Wer trennt
uns von den alten, den vergangnen Jahren?
Was haben wir seit Angebinn erfahren,
als dass sich eins im anderen erkennt?
Als dass an uns Gleichgültiges erwarmt?
O Haus, o Wiesenhang, o Abendlicht,
auf einmal bringst du’s beinah zum Gesicht
und stehst an uns, umarmend und umarmt.
Durch alle Wesen reicht der eine Raum:
Weltinnenraum. Die Vögel fliegen still
durch uns hindurch. O, der ich wachsen will,
ich seh hinaus, und in mir wächst der Baum.
Ich sorge mich, und in mir steht das Haus.
Ich hüte mich, und in mir ist die Hut.
Geliebter, der ich wurde: an mir ruht
der schönen Schöpfung Bild und weint sich aus
Aus: Die Gedichte 1910 bis 1922 (München oder Irschenhausen, August/September 1914)

J. S.: Das habe ich mal vertont, 2013.


J. S. Für den Frieden zu sein, ist aber schon mal ein Teil der Weltanschauung, mit dem man nicht falsch liegen kann, oder doch?
Rede von Heiko Schrang in Plauen im Dezember 2019 über den Geist von Muhamed Ali:

https://youtu.be/7vDNsppNF3w


G.: Dann sollten wir auch klären, was Frieden ist. Kann es Frieden geben, wenn eine kleine Clique fast die ganze Menschheit unterdrückt? Ist das dann nicht ein Friede, der sich mit einer erzwungenen Verknechtung abfindet, sie duldet und letztlich gutheißt?


J. S.: Gewiss. Das Konzept von Salam, Shalom ist ja klar eine bedingende Friedensbotschaft, die dem Nicht-Eingemeindeten an den Kragen geht. Aber heute haben wir es wie in Schrangs Rede mit der unaufgeklärten Masse zu tun, der man Ungehorsam gegenüber Angriffskriegen erst einmal erklären muss, und dass also überhaupt Krieg herrscht.


G.: Schrang erwähnt ja sogar die Clique: „Rüstungsindustrie und Hochfinanz“. Wobei letztere Gruppe die entscheidende sein dürfte nach dem alten Sprichwort „Geld regiert die Welt“. Aber Genaueres sagt er nicht. Da ist Michael Mannheimer konkreter. —
Schalom klingt schön, kennt man aus der Schule, von Kirchentagen und so, aber was steckt dahinter?

https://donnersender.ru/video/die-zionistische-weltverschworung-die-dunkle-macht


M.S. Der Mensch ist von Natur aus ein soziales Wesen.
Somit hat die Familie, die Gesellschaft sowie das Volk eine gewisse Relevanz.
Eine Weltanschauung ist hingegen reine Utopie, da sie weder mit dem Individuum noch einer regionalen Gesellschaft einher gehen kann.


G.: Ich behaupte, dass eine gemeinsame Weltanschauung, zumindest zentrale Punkte einer gemeinsamen Weltanschauung, unerlässlich sind für das Überleben eines Volkes bzw. einer Nation. Ein geschichtliches Beispiel dafür ist die jüdische Nation, aber auch die polnische Nation. Dabei gehört es zur Überlebensstrategie der jüdischen Nation, anderen Nationen auszureden, ihre eigene Weltanschauung haben zu wollen.

***

Quelle: https://www.facebook.com/groups/deutscherglaube/permalink/591227858373822/

Kurzverweis: https://wp.me/p2UUpY-2gZ

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