Franz Grillparzer (1791–1872), Studien zu Philosophie und Religion: Unsterblichkeit der Seele. Der Gott der Deutschen. Der Weg des Christentums.

Franz_Grillparzer_(gemalt_von_Moritz_Michael_Daffinger)
Franz Grillparzer (Aquarell von Moritz Michael Daffinger, 1827). – Bild: de.metapedia.org

Unsterblichkeit der Seele

Wenn der Mensch unsterblich ist, so ist es auch das Tier. Wenn die Materie sich erinnern kann, so kann sie auch denken.

Mir ist oft, wenn ich etwas sehe, was ich sonst bestimmt nie gesehen, als ob ich es vor äußerst langer Zeit schon einmal gesehen hätte; so auch, wenn ich etwas noch nie Getanes tue, durchfährt mich eine dunkle Ahnung, als sei es nicht das erste Mal. Ähnliche Gefühle, die wohl aus der Erinnerung an Ähnliches entspringen, mögen auf die Ideen der Seelenwanderung geführt haben.

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Der Gott der Deutschen

Der Grundfehler des deutschen Denkens und Strebens liegt in einer schwachen Persönlichkeit, zufolgedessen das Wirkliche, das Bestehende nur einen geringen Eindruck auf ihn macht. Diese Eigenschaft äußert sich in verschiedenen Perioden auf eine ganz entgegengesetzte Weise. Einmal läßt sie ihn, wenn nicht ein gewaltiger Anstoß dazu kommt, jahrhundertelang in dumpfem Hinbrüten fortvegetieren; ist der Anstoß aber einmal gegeben, so wirkt er beinahe mechanisch fort, unaufgehalten, endlos, wie die Wurfkraft ohne Reibung tun würde, weil er in nichts einen Widerstand findet. Wie Scheidewasser greift der deutsche Geist alles an: Gott, Willensfreiheit, Moral, Materie. Er bleibt bei keinem letzten stehen, weil nichts einen so starken Eindruck auf ihn macht, daß es eine Überzeugung für ihn in sich selbst führte. So ist die deutsche Philosophie wesentlich atheistisch, und wenn in neuerer Zeit viel von Gott die Rede ist, so ist das nur eine willkürlich gesetzte Gedankenbarriere, um nicht ganz in die bodenlose Kluft hineinzufallen, die dahinter unausweichlich gähnt. Sie nehmen einen Gott an, statt von ihm überzeugt zu sein; er hat keine Wirklichkeit für sie; sie achten ihn als ihr Werk, nicht sich als seines.

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Der Weg des Christentums

Man hat die christliche Religion so oft als die Hauptursache der neueren Bildung, als ihre letzte und wesentliche Bedingung bezeichnet. Sie ist es auch, aber nur negativ. Die christliche Religion hindert nämlich keine Art der Bildung, und das zwar darum, weil sie außer dem vortrefflichen Satze: „Liebe Gott über alles und den Nächsten wie dich selbst“, durchaus nichts Festes in ihren Anordnungen hat. Sie bereitet daher allerdings durch ihren Charakter einer allgemeinen Humanität der Bildung den Weg; dann aber geht sie ihr nach, statt ihr vorzugehen und wird selbst gebildet, statt andere zu bilden. Daher war das Christentum in seinen Anfängen quietistisch und separatistisch, später sektiererisch, im Mittelalter roh und abgöttisch, dann grausam und fanatisch, und erst in der neuesten Zeit hat es mit der Bildung Frieden geschlossen, aber sehr auf eigene Kosten.

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Zitiert nach: Germanen-Bibel, 6. Aufl., Stuttgart-Berlin 1934, S. 250.

Kurzverweis: https://wp.me/p2UUpY-1Ye

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