Was ist Seele? Was ist die Welt? Was ist Gott? Nach Immanuel Kant (1724–1804)

Immanuel-Kant

Von Hans Joachim Störig

DIE TRANSZENDENTALE DIALEKTIK

Versuchen wir (…) eine Antwort auf die dritte der Grundfragen zu gewinnen: Wie ist Metaphysik (als Wissenschaft vom Übersinnlichen) möglich? – so wird die Antwort negativ, ja vernichtend ausfallen. Der Bereich der Wissenschaft, als geordneter Erkenntnis von Notwendigkeit und Allgemeinheit, reicht genauso weit wie der Bereich möglicher Erfahrung. Wir sind auf die Welt der Erscheinungen beschränkt.

Aber: „Die menschliche Vernunft hat das besondere Schicksal…: daß sie durch Fragen belästigt wird, die sie nicht abweisen kann; denn sie sind ihr durch die Natur der Vernunft selbst aufgegeben, die sie aber auch nicht beantworten kann; denn sie übersteigen alles Vermögen der menschlichen Vernunft21.“ Im Menschen liegt nun einmal ein unwiderstehlicher Dran, über die Welt der Erscheinungen in Raum und Zeit hinauszugelangen. Was ist Seele? Was ist die Welt? Was ist Gott? Das sind Fragen, die wir nicht einfach beiseite schieben können, wenn wir zu einer vollbefriedigenden Lebensanschauung gelangen wollen. Wie verhält sich dazu unsere Vernunft? Hat die Natur hier einen Trieb in uns hineingelegt, der auf ewig Unerfüllbares hinausstrebt?

Dieser Frage tritt Kant in der transzendentalen Dialektik näher. (Er tritt ihr wirklich nur näher, er beantwortet sie nicht erschöpfend – denn das ginge über den Bereich der theoretischen Vernunft hinaus.) Wenn wir in den einleitenden Bemerkungen gesagt haben, daß dieser Teil die „Vernunft“ im Unterschied vom Verstande behandle, so müssen wir hier anfügen, daß „Vernunft“ dabei selbstverständlich in einem anderen – engeren – Sinne als etwa im Titel des Werkes gebraucht ist. Dort bedeutet Vernunft soviel wie den Inbegriff aller unserer Geistes- oder Gemütskräfte. Hier ist Vernunft „das Vermögen der Ideen“ – abgegrenzt gegen Sinnlichkeit als Vermögen der Anschauung und Verstand als Vermögen der Begriffe.

Nach dem früher Gesagten werden wir nicht fehlgehen in der Erwartung, daß „Idee“ für Kant etwas anderes bedeuten muß als zum Beispiel für Platon. Hat doch Kant schon in der Einleitung zur Kritik festgestellt, daß Platon sich auf den Flügeln der Ideen in einen leeren Raum gewagt habe, wo er keine Stütze mehr finden konnte.

Die Vernunft bildet über Sinnlichkeit und Verstand gewissermaßen ein weiteres, noch höheres Stockwerk. Die Vernunft ist ihrem logischen Gebrauch nach – von den Ideen zunächst noch abgesehen – das „Vermögen zu schließen“. Der Verstand bildet Begriffe und verknüpft sie zu Urteilen. Die Vernunft verbindet die Urteilen zu Schlüssen. Sie ist in der Lage, aus einem oder mehreren Sätzen einen neuen abzuleiten22. Was ist das Ergebnis dieser verbindenden Tätigkeit der Vernunft? So wie der Verstand das Mannigfaltige der Anschauung in Begriffe ordnet, so verbindet die Vernunft das Mannigfaltige der Begriffe und Urteile wiederum zu einem höheren Zusammenhang. Die Vernunft stellt also eine noch weitergehende Einheit in unseren Erkenntnissen her.

Aus dieser vereinheitlichenden Tätigkeit der Vernunft erwächst ganz natürlich das Bestreben, die Mannigfaltigkeit nicht nur relativ – in höheren Teileinheiten – zu vereinheitlichen, sondern eine vollkommene Einheit herzustellen. Die Vernunft wird nach einem Unbedingten hinstreben. Dieses Streben der Vernunft wird geleitet von gewissen „leitenden Vernunftbegriffen“, den Ideen.

Kant nennt die Ideen auch „regulative Prinzipien“. Das heißt: Die Vernunft leitet den Verstand auf eine ähnliche Weise, wie dieser die Sinnlichkeit erleuchtet (ihre Anschauungen in Begriffen verständlich macht). Aber ein entscheidender Unterschied besteht: Die Vernunft gibt dem Verstand nur Regeln, wie er verfahren soll. Daher „regulative Prinzipien“.

Was für Ideen gibt es nun, wie kommen sie im einzelnen zustande, und wie wirken sie? Wie die Tafel der Urteilsformen zeigt, gibt es drei mögliche Arten der Beziehung, in denen Sätze verknüpft werden können. Diesen entsprechend entwickelt die Vernunft drei Ideen. Der kategorischen, unbedingten Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten, allen unseren Vorstellungen zugrunde liegenden Einheit des denkenden Subjektes, de psychologische Idee oder Idee der Seele.

Der hypothetischen, bedingten Art der Verknüpfung entspringt das Bestreben, aus der endlosen Reihe von bedingten Erscheinungen zu einer unbedingten Einheit aller dieser Erscheinungen zu kommen, zur kosmologischen Idee, zur Idee der Welt.

Der disjunktiven, ausschließenden Art der Verknüpfung entspringt die Idee einer unbedingten Einheit aller Gegenstände des Denkens überhaupt, die Idee eines höchsten Wesens, die theologische Idee, die Idee Gottes.

Entscheidend ist, daß die Ideen nur Sollvorschriften sind. Sie sind gleichsam auf ein im Unendlichen liegendes Ziel hinzeigende Richtweiser in unserem Innern. Die Idee der Seele sagt mir: Du sollst alle psychischen Erscheinungen so verknüpfen, als ob ihnen eine Einheit, die Seele, zugrunde läge. Die Idee der Welt: Du sollst die Reihe der bedingten Erscheinungen so verbinden, als ob ihnen eine unbedingte Einheit, die Welt, zugrunde läge. Die Idee Gottes: Du sollst so denken, als ob es zu allem, was existiert, eine erste notwendige Ursache, den göttlichen Schöpfer, gäbe. Auf diesen drei Wegen sollst du suchen, eine systematische Einheit in das Ganze deiner Erkenntnis zu bringen23.

Mehr kann die Kritik der reinen Vernunft auf diesem Gebiet nicht tun. Sie zeigt, daß die genannten Ideen denkmöglich sind, also keinen inneren Widerspruch in sich enthalten, ja sich beim Gebrauch der Vernunft sozusagen zwangsläufig ergeben. Aber wir dürfen auf keinen Fall hier Denken und Erkennen verwechseln und annehmen, daß ihnen eine mögliche Erfahrung entsprechen könne.

Die Versuchung dazu liegt nahe. Erliegt man ihr, so gerät die Vernunft auf unauflösliche Widersprüche (Antinomien). Die Vernunft wird „sophistisch“, „dialektisch“. Kant wendet große Mühe daran, im einzelnen zu zeigen, daß die sich so ergebenden Widersprüche unauflöslich sind, insbesondere auch im Hinblick auf die theologische Idee und die von der Theologie stets von neuem versuchten vernünftigen Gottesbeweise. Gott kann aber mit der Vernunft weder bewiesen noch widerlegt werden. Und so für die anderen Ideen.

(…)

Was ist nun mit alledem für die Metaphysik gewonnen? Kant selbst sagt: „Ich mußte das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen25!“ Das heißt: Kant hat gezeigt, wo die Grenzen unserer (theoretischen) Vernunft liegen. Sie liegen genau da, wo der Bereich möglichen Erfahrungswissens aufhört. Was darüber hinaus liegt, darüber kann die Vernunft nichts ausmachen. Das bedeutet aber zweierlei. Die Vernunft kann allgemein metaphysische Ideen wie Gott, Freiheit und Unsterblichkeit – und das sind für Kant die alleinigen Zwecke ihrer Nachforschung, alles andere ist bloßes Mittel dazu26nicht beweisen. Sie kann sie aber auch nicht widerlegen. Insofern ist Platz geschaffen, sie zu glauben.

„Ist das aber alles, wird man sagen, was reine Vernunft ausrichtet…? So viel hätte auch wohl der gemeine Verstand, ohne darüber die Philosophie zu Rate zu ziehen, ausrichten können! … Aber verlangt ihr denn, daß ein Erkenntnis, welches alle Menschen angeht, den gemeinen Verstand übersteigen und euch nur von Philosophen entdeckt werden solle? Eben das, was ihr tadelt, ist die beste Bestätigung von der Richtigkeit der bisherigen Behauptungen, da es das, was man anfangs nicht vorhersagen konnte, entdeckt, nämlich, daß … die höchste Philosophie in Ansehung der wesentlichen Zwecke der menschlichen Natur es nicht weiterbringen könne als die Leistung, welche sie (die Natur) auch dem gemeinsten Verstande hat angedeihen lassen27„.

Quelle:
Hans Joacheim Störig, Kleine Weltgeschichte der Philosophie 2, Frankfurt a. M. u. Hamburg 1969, S. 71-75

Kurzverweis:
https://wp.me/p2UUpY-1Xr

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