Die Macht der Liebe. Von Knut Hamsun (1859 – 1952)

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Plötzlich sagte Frau Hanka mit ruhiger Stimme:

So, seid jetzt still! Öien will sein zweites Gedicht vorlesen.

Paulsberg und Irgens schnitten heimlich eine Grimasse, aber keiner der beiden sagte etwas; Paulsberg nickte sogar ermunternd. Als es still wurde, erhob sich Öien, trat etwas zurück und sagte:

Das kann ich auswendig. Es heißt: Die Macht der Liebe.

 

Wir fuhren mit der Eisenbahn durch eine fremde Gegend, fremd für mich, fremd für sie. Wir waren uns auch gegenseitig fremd, wir beide, und hatten einander noch nie vorher gesehen. Warum sie wohl so still dasitzt? dachte ich. Und ich beugte mich zu ihr hinüber und sagte mit klopfendem Herzen:

Sie sind traurig, mein Fräulein? Haben Sie einen Freund dort zurückgelassen, von wo Sie kommen, einen sehr guten Freund?

Ja, antwortete sie, einen sehr guten Freund.

Und nun sitzen Sie da und können diesen Freund nicht mehr vergessen? sagte ich weiter.

Und sie antwortete und schüttelte traurig das Haupt:

Nein, nein, ich vergesse ihn nicht.

Sie schwieg. Sie hatte mich beim Sprechen nicht angesehen.

Darf ich fühlen, wie schwer Ihre Haarflechte ist, fragte ich dann. Was für eine herrliche Haarflechte, sie ist ganz wunderschön!

Mein Freund hat sie geküßt, entgegnete sie und stieß meine Hand zurück.

Verzeihen Sie mir! sagte ich da, und mein Herz klopfte immer stärker. Darf ich Ihren goldenen Ring auch nicht sehen? Er glänzt vor Gold, und auch er ist so schön, ich würde ihn gerne genau betrachten und mich um Ihretwillen darüber freuen.

Aber sie antwortete auch darauf mit Nein und sagte:

Mein Freund hat ihn mir gegeben.

Dann rückte sie noch weiter von mir weg.

Verzeihen Sie mir! sagte ich…

Einige Zeit vergeht, der Zug rollt dahin, der Weg ist so lang, so lang und ermüdend, wir können nichts anderes tun, als auf den Lärm der Räder lauschen. Eine Lokomotive saust an uns vorbei, es klirrt von Eisen auf Eisen, und ich fahre zusammen, sie aber nicht, so sehr ist sie wohl in Gedanken an ihren Freund versunken. Und der Zug rollt dahin.

Dann sieht sie mich zum erstenmal an, und ihre Augen sind eigenartig blau.

Wird es jetzt nicht dunkler? sagt sie.

Wir nähern uns einem Tunnel, antworte ich.

Und wir fuhren durch den Tunnel.

Dann verging wieder einige Zeit. Ungeduldig sieht sie mich wieder an und sagt:

Mir ist, als würde es wieder dunkler?

Nun kommen wir in den zweiten Tunnel. Es sind drei Tunnels im ganzen, antwortete ich. Ich habe eine Landkarte, wollen Sie es sehen?

Ich habe Angst, sagte sie und rückte näher zu mir her.

Darauf antwortete ich nichts. Sie fragte lächelnd:

Drei Tunnels, sagten Sie? Haben wir noch einen außer diesem hier?

Ja, noch einen.

Wir fahren in den Tunnel ein, und ich fühle, daß sie mir ganz nahe ist, ihre Hand berührt die meine. Dann wird es hell, und wir sind wieder im Freien.

Eine Viertelstunde lang fahren wir. Sie sitzt mir nun so nahe, daß ich ihre Wärme spüre.

Sie dürfen gerne fühlen, wie schwer meine Flechte ist, sagt sie, ja, Sie dürfen auch gerne meinen goldenen Ring sehen, da ist er.

Ich wog ihre Flechte, nahm aber den Ring nicht, weil sie ihn von ihrem Freund erhalten hatte. Sie lächelte darüber und bot ihn mir nicht wieder an.

Sie haben so heiße Augen, und Ihre Zähne sind so weiß, sagte sie und wurde verwirrt. Ich habe Angst vor dem letzten Tunnel. Halten Sie meine Hand, wenn er kommt. Nein, nein, halten Sie meine Hand nicht, das meine ich nicht, ich scherze nur; aber sagen Sie etwas zu mir.

Ich versprach zu tun, worum sie mich bat.

Ein paar Minuten darauf lachte sie und sagte:

Vor den beiden anderen Tunnels hatte ich keine Angst, nur vor diesem habe ich nun Angst.

Sie sah mir ins Gesicht, was ich darauf wohl antworten würde, und ich erwiderte:

Dieser ist auch der längste, er ist ungeheuer lang.

Ihre Verwirrung war nun aufs höchste gestiegen.

Aber nein, es kommt doch kein Tunnel, rief sie. Sie halten mich zum besten. Es kommt gar kein Tunnel mehr.

Doch, es kommt noch einer, ein letzter Tunnel, sehen sie nur her.

Und ich deutete auf meine Karte. Aber sie wollte nichts hören und wollte nichts sehen.

Nein, nein, es kommt keiner mehr, ich sage Ihnen, es kommt keiner mehr. Aber sprechen Sie mit mir, falls doch einer kommt, bat sie wieder.

Sie lehnte sich zurück, schloß die Augen halb und lächelte dabei.

Da pfeift der Zug, ich sehe hinaus, wir nähern uns dem gähnenden Loch. Ich erinnere mich, daß ich versprochen hatte, mit ihr zu reden, ich beuge mich vor, und da fühle ich in der Dunkelheit ihre Arme um meinen Hals.

Reden Sie, reden Sie, ich habe solche Angst, flüstert sie mit klopfendem Herzen. Aber warum sagen Sie nichts?

Ich fühle deutlich, daß ihr Herz klopfte, im selben Augenblick legte ich meinen Mund dicht an ihr Ohr und sagte:

Nun vergessen Sie ja Ihren Freund?

Sie lauschte, sie zitterte und ließ in derselben Sekunde meinen Hals los, stieß mich mit beiden Händen von sich und warf sich selbst weithin über die Bank. Ich blieb sitzen. Ich hörte, wie sie in der Dunkelheit anfing zu weinen.

Das war die Macht der Liebe, schloß Öien.

 

Wieder war es still im Atelier. Milde saß noch mit aufgerissenem Munde da.

Na ja, weiter? sagte er und wartete auf mehr, auf den Schluß. Bist du fertig? Aber Gott bewahre mich, Mensch, dabei blieb es also? So etwas Verrücktes habe ich doch wahrhaftig noch nie gehört. Nein, diese Art Dichtung, die Ihr Jungen euch zugelegt habt, die nenne ich Blödsinn. He, jetzt vergessen Sie ja Ihren Freund. Hehe, Sie dürfen Ihren Freund nicht vergessen, hehe.

***

Quelle: Knut Hamsun, Neue Erde, in: Sämtliche Romane und Erzählungen, Band 1, Paul List Verlag München 1958, S. 662 – 665.

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