Deutsches Wesen. Von Houston Stewart Chamberlain (1855 – 1927)

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H o u s t o n    S t e w a r t   C h a m b e r l a i n, geb. 9. Scheidings 1855 zu Portsmouth in England; gest. 9. Hartungs 1927 in Bayreuth, Sohn eines englischen Generals. Geschult in der Wissenschaft und Kunst des Westens, ausgezeichneter Naturwissenschaftler und Geschichtsphilosoph; seit seiner Verheiratung mit der Tochter Richard Wagners in engster geistiger Verbindung mit dem Schöpfer des „Ringes“ und allem, was zu Bayreuth als der Kunststätte des jungen Deutschland gehört. Schrieb im Banne des großen Nordfranzosen Grafen Gobineau seine „Grundlagen des XIX. Jahrhunderts“, in denen er das Hohe Lied der germanischen Rasse sang. Seine umfänglichen Werke über Kant, Goethe und Wagner wurden zwar von interessierter Seite unfreundlich beurteilt, gehören aber nichtsdestoweniger zur Großen Literatur der Deutschen. Ließ sich während des Weltkrieges aus Protest gegen die rasseverräterische Haltung seiner Vettern jenseits des Kanales in den deutschen Staatsbürgerverband aufnehmen und war einer der ersten von Rang und Ruf, die öffentlich auf Adolf Hitler als den kommenden Mann Deutschlands hinwiesen.

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Houston Stewart Chamberlain

Deutsches Wesen

Das, was wir mit Betonung das Deutsche zu nennen berechtigt sind, ist der herrlichste Besitz, den es für Menschen gibt, und birgt die Fähigkeit zu ungeahnter Entwicklungsfülle; dieses Deutsche ist die Errungenschaft, ist das Werk, noch triftiger gesprochen, das Leben der großen deutschen Männer.

In diesen Besitz wächst nun als Erbe die deutsche Jugend hinein. Mehr als irgendwo gilt aber hier das von Goethe erst in reiferen Jahren in seine Jugenddichtung eingefügte Wort:

Was du ererbt von deinen Vätern hast,
Erwirb es, um es zu besitzen!

Jeder gebildete Deutsche muß nämlich erst „deutsch“ werden; bis er es bewußt geworden ist, ist er es nicht ganz, nur teilweise und gleichsam zufällig. Über die Ungebildeten wacht ein guter Engel: dem Gebildeten dagegen wird sein Schicksal in die eigene Hand gelegt; daß an ihm „gebildet“ wurde, muß ihm jetzt dienen, an sich selber Bildner zu werden. Schiller – der unentbehrlichste unserer Lehrmeister des Deutschen – hat aufmerksam gemacht, daß der Mensch, ehe er anfängt zu denken, der Wahrheit näher ist als der Denker, der noch nicht zu Ende gedacht hat; ebenso steht der Mann, der keine höhere Bildung genoß, dem instinktiv von ihm eingesogenen Deutschtum näher als der gymnasial und akademisch gebildete Jüngling, der nicht mit Inbrunst daran arbeitet, ein klar bewußter, ausführlich beschlagener Deutscher zu werden. Das deutsche Heer ist eine großartige Schule des Deutschtums; doch liegt es im Wesen der Sache, daß hiermit nur der Charakter, der Wille erzogen wird. Eine ebenso wirksame Schule des gesamten deutschen Wesens wünsche ich, in welcher Religion, Wissenschaft, Weltanschauung, bildende Kunst, Ton- und Dichtkunst, aber nicht weniger Politik, Gesellschaft, Handel, Industrie, Technik, Verwaltung, Gesetzgebung, Schulwesen, alle mit Bezug auf das Deutschtum, auf das unterscheidend Deutsche in jeder dieser Betätigungen betrachtet würde; hiermit wäre die klare Scheidung von dem Undeutschen gegeben. Die Einheit, die aus dieser Befassung zutage treten würde, ist ein bisher in der Weltgeschichte unbekanntes Phänomen: es bilden die großen deutschen Männer – die denkenden, die dichtenden, die forschenden, die lenkenden, die schaffenden – eine einzige Familie; das ist das Besondere, das begründet die deutsche Kraft, das schenkt die deutsche Hoffnung.

Shakespeare, der Dichter, stellt seine Zeit dar, und indem er das tut, „richtet er sie“ (wie Richard Wagner gesagt hat); nicht aber schafft er an ihr und arbeitet er an ihrer Zukunft. Die englischen politischen Größen wiederum – Hobbes, Bolingbroke usw. – gehören lediglich ihrer politischen Welt an, einer völlig amoralischen, kulturfernen, poesielosen, nüchtern utilitaristischen. Wie anders bei den Deutschen! Ein Herder widmet die besten Jahre seines Lebens der Erforschung des göttlichen Sinnes der Geschichte; ein Schiller arbeitet mit Aufopferung letzter Kräfte daran, uns den Weg zu weisen, auf dem der „Staat der Not“ in den „Staat der Freiheit“, d. h. in den deutschen Staat der Zukunft verwandelt werden kann und wird; ein Richard Wagner wandelt in Schillers Fußtapfen, wie bei der Vollendung des deutschen Dramas, so auch mit der Reihe seiner Schriften, welche Staat, Gesellschaft, Religion betreffen; ein Goethe schreibt Faust und Iphigenie und Werther und alle anderen Meisterwerke nur nebenher, als „Gelegenheitsdichter“ (wie er sich selber nannte), widmet aber als Staatsminister, vielfacher Verwalter, Bibliothekar, Theaterleiter, Ingenieur, Naturforscher, Reisender, Kunstsammler (usw. ins Unendliche) seine eigentliche Lebensarbeit der Errichtung eines allumfassenden Doms für alles, was den Namen „deutsch“ verdient. Sollte jemals der Tag kommen, wo an deutschen Hochschulen ein Lehrstuhl für Goethe errichtet würde, dann wäre der erste Schritt geschehen zur Begründung jener von mir gemeinten Schule des gesamten deutschen Wesens. Keine ausländischen Poeten gleichen in dieser Beziehung den deutschen Dichtern. Nun aber blicke man auf die deutschen Staatsmänner – einen Wilhelm von Humboldt, einen Stein, einen Bismarck; man betrachte diese umfassende Bildung, diesen sittlichen Ernst, diese Reinheit der Herzen und darum auch der Ziele! Alle sind sie tief religiöse Naturen; alle läutern ihr Wesen an höchsten Werken der Kunst und Dichtung; sie sind Erscheinungen einer edelsten Kultur, und ihr Deutschsein ist nicht ein Zufall der Geburt, nicht ein Vorurteil für das Gegebene, vielmehr bedeutet es das bewußte Erfassen einer verantwortungsvollen, gottgegebenen Pflicht. Ein ganz eigener Ernst liegt auf dem Antlitz aller großen deutschen Staatsmänner, wie die fast erschreckende Strenge und Trauer, die auf den Zügen und in den Augen Wilhelms I. lag, als er 1870 in den Krieg fuhr – ein Anblick, der auf mich wie eine erste, damals noch unverstandene, nur in Ergriffenheit geahnte Offenbarung des deutschen Wesens wirkte. Und dann vergegenwärtige man sich die großen deutschen Schlachtenlenker von Friedrich bis Moltke und bis Hindenburg und vergleiche sie mit anderen: diese Kultur, dieser sittliche Untergrund!

Heute will ich nur andeuten: von den Denkern, den Forschern, den Erfindern, den Lenkern des praktischen Lebens hätte ich ein Gleiches zu sagen. Es liegt auf der Hand, daß kein Land der Welt irgend etwas auch nur entfernt Ähnliches aufweisen kann. Ein neues Kulturideal ersteht vor unseren Augen; es ist im Werden begriffen; wieder einmal gewinnt Gottes schöpferischer Wille Gestalt; den Deutschen fällt die Pflicht anheim, seinen Willen zu vollbringen; ihre großen Männer gehen als Beispiele voran; von ihnen müssen sie lernen, bei ihnen in die Schule gehen; jeder ist fähig, wie im Heere so auch im Leben seine Pflicht als Deutscher zu vollbringen.

Man werde sich dessen nur recht bewußt: so alt auch Deutschland ist, so jung ist das Deutschland, das jetzt entsteht. Darum auch die begeisterte Aufnahme alles Großen aus der Ferne, z. B. Shakespeares: Der Deutsche ist eben jung und besitzt infolgedessen Phantasie und Naivität und das Entgegenfliegen dem Großen und Schönen, ohne welches überhaupt keine Leistung besteht. Aus diesem selben Grunde ist aber auch in Deutschland fast alles unfertig: Staat, Gesellschaft, Geschmack. Nur zwei Dinge sind fertig: das Heer und das Genie. Und diese zwei gehören zueinander. Das Genie Deutschlands – wie es in jenen Männern überall sich kundtut – hat dieses einzige Volksheer gewollt und geschaffen, und dieses Heer ficht für das heilige Erbe, welches jene Männer – als Stimmen ihres Volkes – uns übermacht haben, für das Heiligste auf Erden, ich sage: für Gott! Welche Aufgabe erwächst aber einem jeden in Gegenwart und Zukunft: diesem Heer und diesem Genie gewachsen, ebenbürtig, ja, in irgendeinem Maße ihr würdig sein! Es gilt auf allen Gebieten des Lebens schöpferisches Wirken und dennoch strenge Folgerichtigkeit, Erfindungsmut und nichtsdestoweniger treue Bewahrung der Einheitlichkeit. Es gilt, die erreichte Höhe der Kultur – trotz Macht, trotz Reichtum – festzuhalten und auszubauen; es gilt, selbst im Herrschen zu dienen, selbst im Gebieten zu gehorchen, in Demut kraftbewußt. Und das alles können wir nur von den großen Deutschen lernen; denn sie allein haben es gekonnt, getan, gelebt; sie sind das Beispiel, an dem wir die Pflicht und zugleich die Erfüllbarkeit der Pflicht lernen.

Wieder, wie vor einem Jahrhundert und wie vor einem halben Jahrhundert, bewährt die deutsche Jugend ihren Heldenmut; möchte sie den Werken des Friedens, zu denen Gott sie bald heimrufen wird, den gleichen Heroismus widmen; alle großen Deutschen waren Helden – Helden im Erstreben, im Erleiden, im Erringen. Sie hat Schiller im Sinne bei den Worten: „Die Gipfel der Menschheit werden glänzen, wenn noch feuchte Nacht in den Tälern liegt.“

Quelle: Germanen-Bibel, 6. Aufl. 1934, S. 483 f.

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