Arischer Glaube an die Wiedergeburt. Von Georg Grimm (1868 – 1945)

Georg GrimmWie aber kam ich zu jenem früheren Körper vor meinem gegenwärtigen? Natürlich auf die gleiche Weise wie zu diesem letzteren: auch zu ihm hatte mich die Sehnsucht, der Wille nach einem solchen Körper getrieben, welcher Wille durch den Gebrauch eines noch früheren Körpers in mir entstanden war. Und so zurück bis in die anfanglose Vergangenheit. – So aber auch weiter in die endlose Zukunft hinein: Auch in meinem kommenden Tode werde ich an einem neuen Keime in einem neuen Mutterleibe haften, wenn ich noch Verlangen habe, mittels eines körperlichen Organismus mit der Welt in Verbindung zu bleiben. Aus dem gleichen Grunde werde ich nach dem Zerfalle dieses künftigen Körpers mir in ähnlicher Weise einen neuen bauen und nach diesem wieder einen neuen und so fort in saecula saeculorum, solange ich mich eben nicht auf meinen Urgrund, auf mein eigentliches, von allen Beilegungen freies Selbst und damit in die absolute Wirklichkeit zurückziehe – die Kette unserer Wiedergeburten ist geschlossen.

Diese Lehre von der Wiedergeburt ist beim Buddho eine zwingende Konsequenz aus der von ihm durchsichtig gemachten Erkenntnis, daß unser Körper nicht unser eigentliches Selbst ist, daß er vielmehr nur eine Beilegung von uns, für uns also im Grunde etwas Fremdes ist, und aus der weiteren Erkenntnis, daß man sich etwas Fremdes nur dadurch beilegen kann, daß man es ergreift und immer wieder ergreift, solange man eben noch eine solche Beilegung will, nach ihr giert: Weil ich vom Entstehen und Vergehen meiner Körperlichkeit nicht berührt werde, deshalb war ich bereits vor ihr, und zwar in jedem Zeitpunkte vor ihr, indem mir dann ja keine Veränderung und damit keine Zeit etwas anhaben konnte; deshalb werde ich dann aber auch in alle Zeiten hinein sein; und zwar war ich und werde ich sein, wie ich will, also mit einem körperlichen Organismus ausgestattet, solange ich einen solchen haben will. Und wir wollten bisher einen solchen haben, wie uns unser eigener Wille, wenn wir ihn betrachten, beweist: noch heute lebt in uns diese Anhänglichkeit an den Körper, und solange sie lebt, braucht uns um den Besitz eines solchen nicht bange zu sein: dem Willen zum Leben ist das Leben gewiß. So wird denn die Anfangs- und Endlosigkeit unserer Wiedergeburten zum Spiegel unseres eigenen Wesens und demgemäß „die Unendlichkeit der Welt das Maß unserer eigenen sie stets übersteigenden Größe“ (1).

Eben weil so die Wiedergeburtslehre eine Urwahrheit ist, herrschte sie von jeher und herrscht auch noch heute in Indien, sie lehrten auch schon die Orphiker in Griechenland, ungefähr gleichzeitig mit dem Buddho, dann die Pythagoräer, weiterhin Empedokles, Sokrates, Platon, Plotinos, wie ihr auch gar manche große Geister in unserer Zeit gefühlsmäßig anhingen und anhängen. Insbesondere hat auch Goethe nach langem Sträuben seines Verstandes die Wiederverkörperungslehre angenommen und ist ihr bis zu seinem Tode treu geblieben:

„Lange hab‘ ich mich gesträubt, endlich gab ich nach: Wenn der alte Mensch zerstäubt, wird der neue wach. Und solang du das nicht hast: dieses Stirb und Werde! Bist du nur ein trüber Gast auf der dunklen Erde.“

Als was können wir aber in unserem Tode wiedergeboren werden? Wenn wir wesenhaft Menschen wären, könnten wir natürlich nur als Menschen wiedergeboren werden. Denn sein Wesen kann man nicht ändern. Weil uns aber unser derzeitiger menschlicher Körper im Grunde genau so fremd ist wie irgendein anderer Körper, deshalb können wir in unserem Tode auch einen anderen Keim als einen menschlichen ergreifen, also auch einen Keim in einem Tierleibe oder in einer Höllenwelt oder in einer Lichtwelt, von uns Himmel genannt: Weil wir nichts von der Welt sind, können wir alles in der Welt werden. Daß wir insbesondere auch Tiere werden können, haben auch Sokrates, Platon und Plotinos, sicherlich ebenfalls ganz große Geister, mit aller Entschiedenheit gelehrt. Man lese speziell den Phaidon des Platon nach, wobei man sich zugleich an dem wahrhaft erhabenen Sterben des Sokrates erbauen mag.

An welchem Keime aber werden wir nach dem Buddho in unserem Tode haften? Das hängt, sagt der Buddho, von der Art unseres Willens ab, natürlich nicht bloß unseres bewußten Willens, sondern unseres Willens in seinem tiefsten Grunde, d. h. also von unserem innersten Charakter, wie der zum Vorschein kommt, wenn er sich als Durst, als blinder Trieb betätigt. Denn eben in dieser Verfassung wird ja unser Wille im entscheidenden Augenblicke des Todes sein, wo er den bisher festgehaltenen Körper loszulassen und einen neuen Keim zu ergreifen gezwungen ist. Schwindet dann ja mit dem Aufhören aller Sinnestätigkeiten auch alles Bewußtsein dahin, so daß unser vom Tode unberührter Durst nach einem neuen Körper, weil von keiner Erkenntnis mehr erleuchtet, mithin völlig blind, ohne jede Rücksicht auf die sich daraus ergebenden Folgen sich betätigt: er führt einfach zum Ergreifen eines Keimes, der ihm am meisten entspricht, der ihm wahlverwandt ist. Es ist genau so, wie der Blitz nur in einen ihm wahlverwandten, nämlich feuchten, Gegenstand einschlägt und dort zündet (2). Der Durst führt also zum Ergreifen eines tierischen Keimes, wenn er tierisch ist, zum Ergreifen eines menschlichen Keimes, wenn das Triebleben des Sterbenden ein spezifisch menschliches ist, und zum Haften in einer Lichtwelt, wenn das Triebleben des Sterbenden bereits zum Übermenschlichen, zum Göttlichen veredelt ist. Ist aber dieses Triebleben so entartet, daß es nicht einmal mehr zur Tierwelt Wahlverwandtschaft hat, dann führt es zu einem Anhaften in noch tieferer Welt, nämlich in dem Abgrunde, in dem der von allen anderen Lebensreichen ausgespiene Abschaum der Wesen sich sammelt. Erst später, wenn der neu ergriffene Keim sich entfaltet hat und mit dem Eintritt der Sinnestätigkeit wiederum Bewußtsein aufdämmert, wird dann das, was man ergriff, woran man haftete, von diesem Bewußtsein beleuchtet, indem man sich dann als Tier, als Mensch, als ein Gott oder als ein Teufel sieht. (…)

Was speziell die Himmelswelten betrifft – die indischen Arier nennen sie von jeher Götterwelten -, so sind das jene Daseinsreiche, die zwischen dem Menschenreiche und der völligen Rückkehr in den Urgrund liegen und die eben deshalb der Buddho bei seiner Rückkehr in diesen Urgrund durchschritten zu haben behauptet, wie er auch die Abgründe des Daseins in tiefster Konzentration des Geistes geschaut zu haben erklärt.

Wie sehr übrigens insbesondere höhere Daseinsreiche, in die auch wir übertreten können, geradezu ein Postulat der Vernunft sind, mögen Sie daraus ersehen, daß selbst ein so kritischer Kopf wie Kant ihnen einen Grad von Glaubwürdigkeit zuspricht, der nicht weit von einer ausgemachten Gewißheit entfernt sei, wobei er zur Charakterisierung des Verhältnisses der Bewohner dieser höheren Daseinsreiche zu uns selber die Worte Popes anführt: „Diese oberen Wesen sehen unseren Newton so an, wie wir einen Affen ansehen.“ (3) Goethe aber sagt: „Edel sei der Mensch, hilfreich und gut!“ – Denn das allein unterscheidet ihn von allen Wesen, die wir kennen – Heil den unbekannten höheren Wesen, die wir ahnen! – Ihnen gleiche der Mensch, sein Beispiel lehr‘ uns jene glauben!“
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(1) Die Notwendigkeit der Wiedergeburt der Wesen folgt übrigens auch schon aus ihrer ewigen Bestimmung (oben S. 13), da diese Bestimmung – der absolute angemessene Zustand – in einer Existenz unmöglich verwirklicht werden kann.
(2) Dieses die Art der Wiedergeburt bestimmende Gesetz der Wahlverwandtschaft trägt übrigensauch Sokrates im Phaidon vor.
(3) Kant, Allg. Naturgeschichte und Theorie des Himmels: „Von den Bewohnern der Gestirne“.

Auszug aus:
Georg Grimm, Ewige Fragen – Die religiösen Grundprobleme und ihre Lösung im indischen Geiste. Eine Einführung in die Philosophischen Religionen, Otto Wilhelm Barth Verlag, 3. Aufl. Weilheim/Obb. 1970, S. 69-75

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