Die Quintessenz der vedischen Weisheit


Die indischen Veden gehören neben den gemeißelten Texten des Ägypters Thot und dem iranischen Avesta zu den ältesten heiligen Schriften der Menschheit. Lange Zeit wurden sie nur mündlich überliefert und erst spät schriftlich festgehalten, was gegen 500 v. Chr. abgeschlossen war. Das Besondere an ihnen ist, dass sie bis in vorgeschichtliche Zeiten zurückreichen, immer lebendig blieben und eine umfassende Überlieferung aufweisen. Der deutsche Sprachforscher und Dichter August Wilhelm von Schlegel (1767-1745) charakterisierte die vedischen Schriften als „Erscheinungen …, die in der ganzen Geschichte des menschlichen Geistes unvergleichbar bleiben. … Bei der kritischen Betrachtung jedes altindischen Geisteserzeugnisses wird man wie in einer Spirallinie gegen ein unerschwinglich hohes Altertum hinaufgewunden“ (Brief an August Böckh, 19. September 1837).

Der Sanskrit-Begriff „Veda“ bedeutet Wissen; das Geschaute, Offenbarte, nämlich das ganzheitliche, zeitlose Urwissen der Menschheit (vgl. Armin Risi, Gott und die Götter – Das Mysterienwissen der vedischen Hochkultur, 9. Aufl., Jestetten 2015, S. 40). Nach ihrem eigenen Zeugnis geht die vedische Wissenschaft auf die Anfangszeit der Menschheit vor vielen Millionen Jahren zurück, brach jedoch ab und wurde vor 5000 Jahren durch Krishna erneuert:

Der Höchste Herr sagte: Ich unterwies den Sonnengott Vivasvân in der unvergänglichen Wissenschaft des yoga [Beziehung zum Höchsten]; Vivasvân unterwies Manu, den Vater der Menschheit darin, und Manu wiederum gab dieses Wissen an Ikshvâku [Vorvater der Raghu-Dynastie] weiter. Diese höchste Wissenschaft wurde so durch die Nachfolge der geistigen Meister weitergegeben, und die heiligen Könige empfingen sie auf diese Weise. Im Laufe der Zeit aber wurde die Nachfolge unterbrochen, und daher scheint nun die Wissenschaft, wie sie ist, verloren zu sein. Diese uralte Wissenschaft von der Beziehung zum Höchsten wird dir heute von Mir [Krishna] verkündet, weil du Mein Geweihter und Freund bist; aus diesem Grunde kannst du das transzendentale Geheimnis dieser Wissenschaft verstehen. (Bhagavad-Gita 4.1-3)

Das erhaltene altindische Schrifttum in der Sanskritsprache ist umfangreicher als das der griechischen und lateinischen Antike zusammengenommen. Die Bhagavad-Gita gilt als die „Quintessenz“ des Veda, denn sie „beinhaltet … das gesamte Wissen der vedischen Weisheit“ (Bhaktivedanda Swami Prabhupâda). Da sie die am meisten verbreitete und kommentierte heilige Schrift der Hindus ist, wird sie auch als „indische Bibel“ bezeichnet. Sie ist eine Episode in dem 100.000 Doppelverse umfassenden Epos Mahâbhârata (6. Buch) und hat den Umfang von nur 700 Strophen. Der deutsche Gelehrte und Staatsmann Wilhelm von Humboldt (1767-1835) bezeichnete die Gita als „das schönste, ja vielleicht das einzig wahrhaft philosophische Gedicht, das alle uns bekannten Literaturen aufzuweisen haben“, und schrieb an den Publizisten Friedrich von Gentz, er wisse dem Schicksal Dank dafür, dass es ihn lange genug habe leben lassen, um dieses Werk noch kennenzulernen.

Den Höhepunkt dieses „Liedes der Gottheit“ (nach der Übersetzung Robert Boxbergers) bildet der 11. Gesang. Krishna, Wagenlenker des Heerführers Ardjuna und dessen Vetter, offenbart sich ihm auf dem Schlachtfeld von Kurukshêtra als die höchste persönliche Gottheit und zeigt sich ihm in seiner überirdischen Gestalt. Im Anschluss daran sagt er den vielleicht zentralen Vers der Gita (11.55):

Wer seine Werke um meinetwillen tut, wer sich mir völlig hingibt und mich liebt, wer frei ist von dem Hang zu allen Dingen dieser Welt und ohne Feindschaft gegen alle Wesen, der gelangt zu mir.

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